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altGeht Ihnen das manchmal auch so? Man wird im Alltag so schnell vergesslich. Vor allem, wenn man im Stress ist – und wer ist das heutzutage nicht? Wo hatte man noch mal am Abend zuvor die Autoschlüssel hingelegt? Das fällt einem doch partout nicht ein, wenn man morgens in aller Hektik nach ihnen suchen muss, weil man eh schon wieder spät dran ist für die Arbeit.
Oder was stand alles auf dem Einkaufszettel (der eh noch in der Küche auf dem Tisch liegt, wenn man bereits beim Supermarkt angekommen ist)? Da läuft man an den ganzen Regalen im Supermarkt vorbei, packt lauter leckere Sachen in den Wagen, aber das, was man brauchte, hat man hinterher doch nicht mitgebracht.
Termine sind ganz schlimm. Wenn ich sie mir nicht alle in den Terminkalender eintrage, vergesse ich sowieso die Hälfte. So besteht nur das Risiko, dass ich mal vergesse, in den Kalender zu schauen.

Auch Unterhaltungen werden zuweilen schwierig, wenn einem das Gegenüber mal ins Wort fällt oder der Faden eines Gesprächs sich verselbständigt. Plötzlich sitzt man da, weiß genau, dass man noch etwas Wichtiges sagen wollte, aber es ist weg!
„Ja, ja“, sagt man da zuweilen mit einem Anflug von Ironie, „das Alter hat nichts Schönes.“
Dabei ist es weder Demenz noch Alzheimer, die uns da piesacken. Die bittere Wahrheit ist, dass wir so beschäftigt sind – ständig und mit allem – dass wir ganz schrecklich oberflächlich werden und deshalb vieles einfach vergessen.
 
Jetzt werden Sie natürlich aufbegehren und heftigst protestieren, dass SIE auf gar keinen Fall oberflächlich sind. Ist ja auch nicht chic. Aber seien Sie doch mal ehrlich. Denken Sie noch an Fukushima? Oder Australien während der Überschwemmungen? An Thailand, damals beim Tsunami? Oder gar Tschernobyl? Wie oft denken Sie noch an den 11. September? Ja selbst die Attentate in Norwegen oder die Krawalle in England schockieren nur für einen Moment. Und das aktuelle Öl-Leck in der Nordsee – direkt vor unserer Haustür – ist für uns doch nur bedingt präsent. An die Hungersnot in Afrika (nebenbei: es ist gerade nicht die einzige in dieser Welt) denken wir doch nur, wenn gerade mal wieder ein Bericht oder Spendenaufruf dafür über den Bildschirm flimmern. Und dann? Nehmen wir uns vor, morgen zu spenden, aber bis morgen ist es sowieso schon wieder vergessen.
 
Nun kann man natürlich auch den Medien eine Mitschuld geben, denn die Medien haben definitiv Macht. In unseren Köpfen ist immer das im Vordergrund, worüber sie gerade berichten. Und was sie totschweigen oder zumindest vernachlässigen, erreicht uns auch nicht mehr. Aber ist das wirklich die Schuld der Medien?
Drehen wir den Spieß doch mal um. Die Medien berichten das, was ihnen Zuschauer bringt. Immer aktuell sein. Das erwartet man von ihnen, denn sie sollen uns ja „auf dem neuesten Stand halten. Ein bißchen Sensationslust ist in jedem von uns. Daraus ergibt sich, dass die Medien aus rein wirtschaftlichem Denken, dem Verbraucher liefern, was er will: AKTUELLES.

Aber wie lange ist etwas für uns aktuell? Wie schnell „gewöhnen“ wir uns an eine neue Katastrophe? Wann vergessen wir?

Wer von uns hat nicht schon einmal über die Dauerberichterstattung nach einer Katastrophe geklagt: „Können die nicht endlich mal was anderes bringen? Da wird man ja depressiv. Irgendwann muss doch mal genug sein.“
Zeigt das nicht, dass wir sogar „vergessen wollen“? Zumindest das Negative – jedenfalls auf Dauer. Erstmal ist es ja die Neugier - ja sogar ein stückweit Fasziniation, wenn etwas Furchtbares passiert. Man ist natürlich betroffen. Aber es ist ja weit weg und eigentlich ist man vor allem froh, dass es einen nicht selbst erwischt hat. Nur näher damit auseinandersetzen will man sich nicht, also reicht es dann irgendwann auch mit der Berichterstattung.
 
Ich weiß nicht, was mich momentan mehr betroffen macht. Die vielen Katastrophen in unserer modernen Welt, die sich zunehmend mehren - von denen zumindest einige uns vielleicht auch warnen sollten, dass wir gerade in eine falsche Richtung streben und dabei sind, unseren eigenen Lebensraum nachhaltig mit unserer Gier zu zerstören. Oder die Tatsache, wie schnell wir solches vergessen und einfach weitermachen wie bisher. Weil eine neue Katastrophe die alte ablöst? Weil es ermüdend wird und nicht mehr spannend ist, immer dieselbe Tragödie zu sehen?
 
Welches Fazit soll man daraus ziehen? Es ist ein natürlicher Selbstschutz des Menschen, in gewisser Weise oberflächlich zu sein. Wir tun dies – ob bewusst oder unbewusst – auch deshalb, um nichts ändern zu müssen, was uns ja eigentlich bequem geworden ist. Aber auch, um nicht in Depressionen zu verfallen. Die Vergesslichkeit ist wohl irgendwie in unseren Genen vorprogrammiert - und hatte vermutlich in grauer Vorzeit auch durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung. Ob dem heute, in einer modernen, zivilisierten und fortschrittlichen Welt immer noch so ist, sei dahingestellt. Es ist uns jedenfalls geblieben.
Außerdem zeigt uns dieses Verhalten, ein Großteil der Macht in dieser Welt liegt tatsächlich bei den Medien. Sie bilden die Meinung, bestimmen, was wir sehen und wie wir darauf reagieren – und für wie lange wir das tun.

An unserer Vergesslichkeit kommen wir also wohl leider nicht vorbei – oder doch?
 
Ich denke, ich werde die nächsten Tage versuchen, nicht zu vergessen, darüber einmal nachzudenken.
 
Blessed Be
Tanya Carpenter

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