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Die fachlich korrekte Beschreibung der Monsterecke ist zwar nicht meiner Feder entsprungen, aber ich empfinde sie als derart treffend und unterhaltsam, dass ich sie gerne verwende, um die neue Kolumne Equus Exquisit damit zu eröffnen.


Quadratus Minotaurus

Die sogenannte Monsterecke, auch unter Ecke des Monats oder Spinnerecke bekannt, ist ein wetterabhängiges Phänomen, das in allen Arten des Pferdesports auftritt. Die Monsterecke gibt es in 2 Varianten: die gemeine oder Heim-Monsterecke ist in erster Linie ein Winterphänomen, während die besondere oder Fremd-Monsterecke zu allen Jahreszeiten auftritt, wenn auch gehäuft bei windigem oder windig-kaltem Wetter.


Die gemeine Monsterecke zeichnet sich durch die totale Fixierung des Pferdes auf Ecke, Tür oder Fenster der Reithalle aus, in völliger Abwesenheit einer erkennbaren Ursache. Beliebt sind Türen mit dahinterliegendem Stall oder Hof und halbhohe Fensteröffnungen zum Reiterstübchen, die das Pferd in jene so unbeliebte Kopf-Halsposition 20cm über der Waagerechten zwingen, um die angestrebte optimale Sicht zu erhalten.

Nicht erhöhte Monsterecken vermögen den Blick des Pferdes in jeder Stellung, Biegung und Gangart auf einen Punkt zu fokussieren und ermöglichen bei geschickter Nutzung derselben lang trainierte Elemente zu perfektionieren, so wie das Travers in korrekter Abstellung oder die außengestellten Volten. Dieser kleine Kunstgriff funktioniert allerdings stets nur in einer Richtung und bedarf in der anderen Richtung den doppelten reiterlichen Einsatz bei minimalstem Effekt seitens des Pferdes. Nicht selten sind sich die Pferde einer Reitanlage einig in der Wahl ihrer gemeinen Monsterecke, es sind aber auch Fälle beschrieben, in denen 5 Pferde 5 verschiedene Ecken wählen, und so zu einer ständigen und andauernden Erfrischung der eintönigen Bahnarbeit beitragen.  

Wird das Pferd unter massivem reiterlichen Einsatz zur Überwindung seiner Ablehnung einer Monsterecke gedrängt, so führt das abhängig vom Naturell des Pferdes zu verschiedenen Showeinlagen. Das sensible und temperamentvolle Naturell (A) nutzt die Millisekunde von nachlassender Aufmerksamkeit zu einem eindrucksvollen aufwärts-seitwärts Sprung, abhängig von den athletischen Fähigkeiten, auf den 2., 3. oder 4. Hufschlag. Der erfahrene Reiter verschiebt daher das Grüßen, Lächeln oder Atmen auf den sicheren Bereich 20m hinter der Monsterecke.

Weniger athletische Pferde mit eher gemütlichem Naturell (B) vermögen sich in einem Bereich 20m vor und hinter der Monsterecke in der Mittelpositur enorm zu versteifen und die Schultern in später nie wieder erreichter Abstellung einzurasten, um völlig unbeeinflusst von jeglicher reiterlicher Einwirkung wie die Titanic um die Monsterecke herumzudriften.

Allerdings sei angemerkt, dass Monsterecken oft eine äußerst erstaunliche Wirkung auf Naturell B haben, was die Biegsamkeit und Sportlichkeit angeht. Nicht selten verliert sich Auge in Auge mit der Monsterecke jede Spur von Steif- oder Faulheit beim Pferd und es verwandelt sich in einen wahren Athleten, weshalb durchaus die Möglichkeit besteht, Monsterecken sehr gezielt zu Trainingszwecken zu benutzen. Vorausgesetzt der Reiter verfügt über genügend Kraft und Ausdauer. Geschickt genutzt, erhöhen diese Ecken dann den Trainingseffekt oft in ungekanntem - und vor allem völlig unerwarteten - Maße!

Die reiterlichen Reaktionen auf dieses Phänomen der Monsterecke sind vielseitig und reichen von stoischem Ignorieren („ich wollte sowieso nicht in dieser Ecke reiten…“) bis hin zu verbissenen Korrekturversuchen („jetzt läuft der blöde Bock halt so lange in dieser Ecke im Kreis, bis er aufgibt…“). Eines haben alle reiterlichen Bemühungen gemein: sie sind völlig nutzlos.

Glücklicherweise ist das Auftreten von Monsterecken saisonal stark eingeschränkt und kann von einem Tag auf den anderen verschwinden, was gerne zu erleichterten Versöhnungsszenen zwischen Pferd und Reiter führt und seitens des Reiters oftmals auf das konsequente Training zurückgeführt wird. Um der Übermütigkeit und grenzenlosen Selbstüberschätzung des Reiters eine Grenze zu setzen, kommt der nächste Winter aber ganz bestimmt…

(Verfasser unbekannt)

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