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Wenn ich in die Augen eines Tieres blicke, dann habe ich stets das Gefühl, eine sehr weise Seele zu erkennen. Mich überkommt in  solchen Momenten ein Gefühl der Ehrfucht, der tiefen Verbundenheit und des Respekts. Bei Menschen empfinde ich selten so. Ihre Seelen erscheinen mir eher unreif, nicht geerdet und desorientiert. Woran mag das wohl liegen?

Ich bin ein mystisch-interessierter Mensch und mache mir daher über solche Dinge oft meine Gedanken. Für mich ist das Thema Wiedergeburt etwas sehr reales, das mir logisch erscheint. Wir sind alle Teil eines großen Ganzen, einer Kollektivseele, wenn man so will. Von ihr kommen wir, zu ihr kehren wir zurück. Und bis es soweit ist, haben wir viele Leben zu leben, müssen viel lernen und Aufgaben bewältigen. Manchen Seelen begegnen wir dabei immer wieder, weil wir eng mit ihnen verbunden sind. Manche werden uns nur in einem Leben streifen.

Was hat die Sache mit der Wiedergeburt aber mit der Frage nach der Weisheit einer Seele, insbesondere einer Tierseele zu tun?

Nun, fragen wir uns doch zunächst einmal was Weisheit ist. Ist es weise, wenn ich ein Smartphone oder einen Computer bedienen kann? Darf ich mich weise nennen, weil ich mit einem Auto fahre? Oder liegt Weisheit im Wissen um physikalische, chemische und mathematisch Gleichungen? Darin, dass wir zum Mond fliegen können? Oder Satelliten ins All schießen, die uns auf Schritt und Tritt kontrollieren? Sind wir weise, wenn wir in der Lage sind, Bomben und andere Waffen zu bauen? Verhalten wir uns weise, wenn wir anderen unsere Ideale und unseren Glauben aufzwingen und das auch noch mit Gewalt? Ist Unterwerfung oder Ausbeutung von Menschen, Tieren und Ressourcen weise?

Ich denke nicht.

Für mich ist es weise, um die natürlichen Abläufe und Zusammenhänge Bescheid zu wissen und zwar instinktiv. Ich finde es weise, wenn ich nur das nehme, was ich wirklich brauche. Wenn ich die Schönheit in jedem Augenblick erkennen und genießen kann. Es ist weise, sein Leben mit Respekt und Achtung vor anderen zu leben. Weise ist es, um die Komplexität des Zusammenspiels aller Organismen auf dieser Erde zu wissen – nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen – und sich in dieses Gefüge einzugliedern, ohne es zu stören. Es ist weise, stets und ohne Bedingungen für die Familie da zu sein und sich zu kümmern. Es ist weise, Kooperation und Koexistenz zu leben, obwohl man verschieden ist. Weise ist, den Puls der Erde zu spüren und den Atem der Zeit. Die Bedeutung von etwas scheinbar bedeutungslosem zu erkennen und zu achten. Sich bewusst zu sein, dass unsere Lebenszeit nur geliehen ist und dieser Planet, sowie unser Platz auf ihm, ebenso. Weise ist es, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann und sie mit Ruhe zu ertragen. Weise ist, Freundschaft zu leben und zu fühlen, in jedem Augenblick. Und auch die Liebe zu dem, was uns umgibt.

Weisheit misst sich nicht in meinen Fähigkeiten, mir möglichst viel zu eigenem Nutzen zu machen. Weisheit misst sich darin, meine Bedürfnisse auf eine Weise zu stillen, die das Gesamtgefüge nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Weisheit ist nicht das Wissen um die eine Wahrheit, sondern die Erkenntnis, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt.

Tieren ist dies zu eigen von Geburt an. Die Verbindung zu Mutter Erde, der Natur und allem was darin ist. Ihnen ist die bedingungslose Liebe zu eigen, sobald sie sich einmal dazu entschlossen haben, jemanden zu lieben. Ihnen ist die Bereitschaft einer Koexistenz zu eigen, sogar mit anderen Arten. Dies alles zeigen sie uns jeden Tag – und leben es. Sie lehren und Respekt, Vertrauen und Achtung. Möge es uns Menschen eines Tages möglich sein, dies wieder zu erkennen und ein Teil davon zu werden. Dann dürfen wir uns weise nennen. Dann sind wir noch immer nicht die Krone der Schöpfung, als die wir uns selbst so gerne sehen, doch wir werden ein Teil der Herrlichkeit sein, die uns täglich umgibt und für die wir blind geworden sind.

Im Glauben an die Wiedergeburt denke ich inzwischen eines. Man muss sehr viele Leben leben, um die Weisheit zu erlangen, die es einem erlaubt, wieder in die große Kollektivseele zurückzukehren. Die Tiere stehen bereits kurz davor, denn sie erinnern sich der Wurzeln und des Seelenbandes. Sie gieren nach nicht mehr als dem, was sie zum Leben brauchen und sind glücklich in der Geborgenheit ihrer Familie. Wir Menschen jedoch stehen noch ganz am Anfang unserer Reise. Wir haben noch viel zu lernen, müssen noch viele Leben durchschreiten, Aufgaben erfüllen und Erkenntnis erlangen.

Ob wir dies jemals schaffen, liegt allein an uns. Besinnen wir uns auf das, was wirklich zählt und hören auf, dem hinterherzujagen, was unsere Seelen ohnehin nicht nähren kann. Mögen wir erkennen, dass in der Vielfalt Schönheit und Bereicherung liegen und keine Bedrohung. Dass Angst und Hass uns von der Weisheit trennen, während Liebe und Respekt uns ihr näher bringen.

 

 

Blessed Be

Tanya Carpenter

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