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042-web_117362_by-hansjoerg_hoffmann_piqs_deJunge, engagierte Schreiber sind oft voller Idealismus und Euphorie. Haben gerade ihren ersten Roman beendet, oder zumindest schon eine Idee, die sie ja lediglich noch niederschreiben müssen. Sie sind fest davon überzeugt, damit den Gipfel der Bestsellerlisten zu stürmen. Bald schon reich und berühmt zu sein.
Ihre Story ist etwas ganz neues, ganz anderes, noch nie da gewesenes, worauf die ganze Welt schon längst gewartet hat.

Die Verlage werden sich darum reißen. Vermutlich wird es schwer sein, zu entscheiden, wem man nun die Zusage gibt. Man ist ja auch schon mit dem nächsten Buch beschäftigt, weil die Leser Nachschub verlangen werden und geht im Kopf bereits die Besetzungsliste für die baldige Verfilmung durch.
Vermutlich muss man sogar seinen Job aufgeben, um dem Verlangen der Fangemeinde nachzukommen. Man muss vom Schreiben leben. Das ist ja auch so leicht, macht soviel Spaß. Genau das, was man schon immer machen wollte. 
 
In diesen Fällen ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Denn die Buchbranche ist so hart und grausam wie jeder andere Markt. Für alle, die darin arbeiten.
 
Sicher, die Erfolgsgeschichten der Bestsellerautoren lesen sich wie ein Traum. Es erscheint alles so einfach, so schnell, so wundervoll. Doch das Verhältnis von Bestsellerautoren zur Summe aller Autoren weltweit liegt schätzungsweise bei 1 zu 10.000 – oder schlechter.
Die wenigsten Autoren können allein vom Schreiben leben, die meisten können sich höchstens einen zweiwöchigen Urlaub mit der Familie von ihren jährlichen Tantiemen leisten.
Und auch die ganz Großen haben zumeist einen langen Weg hinter sich, bis sie so erfolgreich geworden sind.
 
Der normale Autor indes geht einem ganz gewöhnlichen Beruf nach, der nichts mit den fantastischen Welten zu tun hat, die er erschafft. In dem nicht halb soviel Spannendes geschieht wie in seinem Krimi. Und wo der Humor aus schlechten Witzen in der Mittagspause besteht. Aber er schreibt dennoch, weil er das Schreiben liebt. Er opfert seine Freizeit, seinen Urlaub, seine Wochenende, um seinen Figuren und deren Geschichten Leben einzuhauchen. Und er ist glücklich damit. Er nimmt Entbehrungen in Kauf, ist oft allein, driftet in eine andere Welt und vergisst alles um sich herum, weil er dort genauso lebt wie im hier und jetzt. Aber im Büro, da ist er konzentriert, zuverlässig, engagiert, denn sein "Hobby" Schreiben darf den überlebenswichtigen Brotjob nicht gefährden. Ein Drahtseilakt. Zwei Leben, die er in Einklang bringen muss. Manchmal scheint dies unlösbar, aber irgendwie schafft er es doch.
 
Das rosarote Bild vom schwerreichen Bestsellerautor um den sich die Verlage nur so reißen, der in inspirierten Augenblicken einen Roman innerhalb von ein paar Tagen schreibt und ansonsten ein freies, angenehmes und geselliges Leben führt, ist eine nette Seifenblase, die an der rauen Oberfläche der Wirklichkeit schnell zerplatzt.

Also: Wie sieht diese Wirklichkeit aus?

Das Schreiben eines Romans ist Arbeit. Natürlich Arbeit, die Spaß macht und Freude bringt. Aber es ist Arbeit. Recherche, Spannungsbögen, Stilfragen, Schreibregeln, lebendige Charaktere, schlüssige Handlungen. Überarbeiten, korrigieren, verbessern, kritisch analysieren, sich selbst hinterfragen. Manches Mal werden Sie den Mut verlieren, sich fragen, warum Sie das alles machen, welchen Sinn das hat. Aber ein Autor ist dies mit Herz und Seele und so werden Sie diese erste Hürde überstehen.
 
Absagen sind die zweite Hürde, die Sie als Autor nehmen müssen.
Man kennt Sie nicht. Ihr Stil ist gut, aber nicht herausragend. Zuviel Arbeit für das Lektorat. Sie haben das Exposé vergessen oder die Leseprobe. Haben Sie am Ende gar gleich das komplette Manuskript geschickt? Es gibt tausend Gründe, weshalb ein Verlag nur einen flüchtigen oder gar keinen Blick auf Ihr Manuskript werfen wird.
 
Wer denkt, das Neue und Unbekannte wäre, was die Verlage suchen, der irrt. Man weiß, was die Kunden wollen, was sich verkauft. Und danach sucht man. Hat das Ohr immer am Trend und reagiert auf diesen schnell, aber mit bewährter Ware.
Wer denkt, genau dieser Bestseller ist es, so eine Story schreibe ich jetzt auch, wird ebenso wenig Erfolg haben. Denn man will auch nichts, was schon hundertmal da gewesen ist. Das ist langweilig für die Leser. Die wollen überrascht werden.
Gar nicht so einfach, oder? Überraschen Sie den Leser mit dem, was er liebt und kennt.
Das geht nicht? Oh doch, das geht. Das ist das Erfolgsrezept, mit dem die Verlage seit Jahren erfolgreich den Markt bedienen.
 
Aber gut: Sie haben auch das geschafft und solch eine Story zu Papier gebracht? Dann wird sich nun vielleicht ein Verlag dafür interessieren. Vermutlich zunächst eher ein Kleinverlag, denn die Großverlage ziehen Autoren vor, die sich bereits einen Namen gemacht haben.
Jetzt folgt das Lektorat, in dem das Manuskript von einem objektiven und unvoreingenommen Menschen analysiert und korrigiert wird, der die Branche kennt und Ihre Schwächen und Stärken aufzeigt. Er hängt nicht mit ganzem Herzen an jedem Wort, sieht das Werk nicht mit den verliebten Augen seines Erschaffers. Er wird Streichungen vornehmen und Ergänzungen wünschen. Viele Veränderungen vorschlagen. Einiges davon wird Ihnen zunächst weh tun. Anderes wird Ihnen auf Anhieb logisch erscheinen und Sie sind dankbar, dass man Sie darauf hinweist. Aber letztlich ist es ihr "Baby", um das es hier geht und Sie werden einige Male mit den Zähnen knirschen, aber dennoch die Wünsche von Verlag und Lektorat umsetzen, denn letzterer macht Ihnen die Veröffentlichung erst möglich, trägt das Risiko und hat daher das letzte Wort. Meist sind es mehrere Durchgänge, bis es endlich bereit für die Druckfahne ist. Und ganz am Ende, wenn Sie diese lesen, werden Sie merken, wie ihr Baby zu einem Teenager oder jungen Erwachsenen gereift ist. Es hat durch die zunächst als unangenehm empfundenen Änderungen gewonnen und Sie lieben es umso mehr.
 
Jetzt ist es doch Zeit für den Erfolg und das Geld, oder? Nachdem Sie erneut soviel Arbeit, soviel Zeit investiert haben. Das Buch ist fertig, geht an die Druckerei, mit einem hübschen Cover. Bald liegt es in den Läden, wird gekauft und Sie als Autor müssen nur noch Zuhause sitzen und abwarten, bis der große Scheck vom Verlag kommt. Nebenbei vielleicht am nächsten Roman arbeiten. Wenn Sie gerade inspiriert sind.
Aber so einfach wird es auch jetzt nicht.
Was folgt sind Lesungen, Werbung, Interviews, Kontakte knüpfen. Und zwar nicht, weil der Verlag das alles für Sie organisiert. All diese Dinge müssen Sie zu einem Großteil selbst in die Hand nehmen und sich darum kümmern, präsent sein zu dürfen, damit überhaupt Leser auf Ihr Buch und Sie als Autor aufmerksam werden.
Und auf die Inspiration sollten Sie nicht warten, denn die Inspiration kommt oftmals während des Schreibens. Also nur Mut. Nutzen Sie die verbleibende freie Zeit, zwischen Ihrem Job und ihren Werbemaßnahmen ruhig schon für Ihr nächstes Werk. 
 
Jetzt aber, sagen Sie! Vor kleinem (1 Zuhörer) und großem (20 Zuhörer) Publikum haben Sie gelesen, haben es in Twitter, Facebook und MySpace kund getan, sind von einigen Leserforen und Buchportalen interviewt worden. Der Roman steht bei Amazon gar nicht schlecht da.
Doch die nächste Ernüchterung folgt mit der Abrechnung.
Verkaufsränge sind relativ, und der Ladenpreis ist weitab von Ihrem Verdienst. Freuen Sie sich also, dass Ihr Buch gekauft wird und über jede positive Rezension. Auch, wenn die Verkaufszahlen (noch) nicht in die Hunderttausende gehen und der Scheck noch etwas klein ausfällt. Es ist auf jeden Fall ein Gewinn, denn Sie schreiben ja aus Liebe zum schreiben. Und nicht jeder kann mit seiner Leidenschaft Geld verdienen.

Aber wenn Sie sich nicht davon entmutigen lassen, dass Ihr Buch nicht sofort die Bestsellerlisten stürmt; wenn für Sie das Schreiben Ihr Leben ist; Kritik Sie nicht am Boden zerstört, sondern stärkt und wachsen läßt, weil Sie diese annehmen und beständig an sich arbeiten; Sie trotz der Einsamkeit, die der Prozess des Schreibens häufig mit sich bringt, Zeit finden, sich gemeinsam mit Ihren Freunden auch über die kleinen Erfolge zu freuen, dann wird dieses "Hobby" eine Bereicherung sein und könnte in den nächsten Jahren vielleicht ein nettes Polster für Ihre Rente werden.

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