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Musen sind Zicken!

 

Wer sich schon immer gefragt hat, warum es wohl DIE Muse heißt und dabei nicht zwingend an die heidnischen neun Musen – die selbstverständlich weiblich sind – denken wollte, dem sei erklärt: Musen KÖNNEN im Grunde nur weiblich sein, denn sie sind ausgemachte ZICKEN!

 

Erklären Sie mal Ihrer Muse, dass Sie gerade jetzt dringend ihren Rat brauchen. Dass Sie mitten in der spannendsten Szene Ihres künftigen Bestseller-Romans stecken und einfach nicht weiterkommen. Ich garantiere Ihnen, Ihre Muse, wird Sie mit süffisantem Lächeln von der Seite anschauen, auf ihren rosa Nagellack pusten, der noch nicht ganz trocken ist und sagen: „Darling, das hat doch wirklich noch Zeit. Ich muss gleich noch zum Hair-Stylist und meine Mode ist gar nicht mehr up-to-date.“ So oder so ähnlich jedenfalls kommt der Kommentar und dann zeigt die Dame Ihnen die kalte Schulter und ist einfach weg. Da hilft auch kein Lippen spitzen, sie will jetzt nicht küssen. Der Lippenstift könnte ja verschmieren. Und der war teuer!

 

Ganz schlimm wird es, wenn die Muse ihre Tage hat. Oder kurz davor steht. Bei keiner holden Weiblichkeit im Universum ist das Prämenstruale Syndrom so heftig ausgeprägt und so langandauernd wie bei einer Muse. In dieser Zeit zickt sie weniger rum, ist sogar äußerst bereit, Ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, aber ihre Launen wechseln jetzt sekündlich zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Natürlich ist sie immer dann völlig aufgedreht und hat scheinbar einen Clown gefrühstückt, wenn Ihr Held oder Ihre Heldin gerade dem abgründigsten Bösewicht gegenüberstehen und in Lebensgefahr schweben. Oder wenn ein naher Verwandter der Protagonisten verstorben ist. Wechseln Sie dann ganz spontan in eine Liebesszene oder ein fröhliches Picknick und verschieben Ihre Schocker- oder Trauer-Szenen auf später, durchläuft Ihre Muse eine regelrechte Metamorphose. Heulend wird sie neben Ihnen sitzen, der Schreibtisch schon voller nassgeweinter Tempotaschentücher und bekommt sich gar nicht mehr ein über die Dramen des Lebens, die himmelschreienden Ungerechtigkeiten und die tragischen Verluste, die man zuweilen durchleiden muss.

Wenn Sie jetzt schlau sind, wechseln Sie wieder in die Held/Bösewicht-Szene, denn wenn man schon mal richtig in Fahrt ist und seine Muse am liebsten auf diverse qualvolle Arten töten möchte, dann sollte man das ruhig für den Roman nutzen und dem Bösewicht mehr Profil verleihen. Helden müssen leiden, also quälen sie ihn ruhig stellvertretend für Ihre Muse, denn die sollten Sie besser nicht um die Ecke bringen, Sie könnten sie noch brauchen.

 

Musen haben noch einen weiteren Charakterzug, der sie zur absoluten Zicke macht. Sie wollen immer im Mittelpunkt stehen. Wenn Miss Muse sich in Szene setzt, haben Sie selbstverständlich augenblicklich Gewehr bei Fuß zu stehen und ihr zuzuhören, welch grandiose Ideen sie Ihnen mitzuteilen hat. Sie können schließlich dankbar sein, dass gerade Sie mit diesen phänomenalen Inspirationen bedacht werden, die das Potential zum Bestseller haben. Wenn es dann doch nicht mit selbigem klappt, liegt das natürlich an Ihrer Unfähigkeit, die Rohdiamanten, die Ihre Muse Ihnen gönnerhaft anvertraut hat, zu einem Juwel zu schleifen. Oder schlicht daran, dass Sie wieder einmal schlecht vorbereitet waren und die Hälfte vergessen haben, bis Sie endlich dazu kommen, festzuhalten, was Ihre Muse Ihnen zugeflüstert hat. Warum müssen Sie auch immer Ihren Stift und Block im Auto liegen lassen, während Sie den Lebensmitteleinkauf für die kommenden vier Wochen erledigen? Oder auf der SD-Karte Ihres Handys nicht rechtzeitig ausreichend Speicherplatz geschaffen haben, bevor sie zu einem Spaziergang in der Natur aufgebrochen sind? Gerade die wirkt sich immer so animierend auf Ihre Muse aus. Seien Sie auch bitte nicht zimperlich, im vollbesetzten Wartezimmer des Arztes die Eifersuchtsszene für Ihre nächste Romanze schon einmal Probe zu spielen. Vergessen Sie nicht, die Stimme den jeweiligen Charakteren anzupassen, sonst hat das ja gar keinen Drive. Wenn Sie Glück haben, sitzt gerade ein Produzent oder Regisseur neben Ihnen. Wenn Sie Pech haben, kann es auch der polizeiärztliche Psychologe sein, der sich fürsorglich direkt Ihrer annimmt. Doch dieses Restrisiko sollte kein Hindernis sein. Also bitte, da müssen Sie schon mal ein bisschen was wagen und kooperativ werden. Schließlich ist Ihre Muse eine vielbeschäftigte Dame von Welt, die sich gerade ein paar Minuten in ihrem Terminkalender für Sie freigenommen hat. Da ist Flexibilität gefragt. Dem Streifenpolizist können Sie später erklären, warum sie mit 120 km/h durch die Innenstadt gefahren sind, bloß um das richtige Gefühl für die Verfolgungsszene in Ihrem Agententhriller zu erlangen. Und während der folgenden Psychotherapie vergessen Sie bitte nicht, Ihren Therapeuten über die gängigsten Merkmale typischer Psychosen (und Psychopathen) auszuhorchen, so was kann man immer gebrauchen.

 

Musen fallen auch besonders gern über Sie her, wenn sie gerade nach fünf Stunden qualvoller Schreibarbeit, in denen Sie sich jeden Satz aus den Fingern quetschen mussten, weil Madame mal wieder Shoppen war, ins Bett legen wollen. Kaum trifft Ihr Kopf das Kissen, sitzt Ihre Muse auf Ihrer Bettkante und schnattert wie ihr der Schnabel gewachsen ist. So schnell, dass Sie in Ihrem bereits leicht schlaftrunkenen Zustand kaum mitkommen, und sich unmöglich all die vielen Tipps und Ideen merken können, geschweige denn die gesamten Szenen, Prolog, Epilog, Chronik, Personenregister, Glossar, usw. usw., die Ihre Muse Ihnen gerade in die grauen Zellen diktieren möchte. Und wenn Sie jetzt den Notizzettel aus der Nachttischschublade holen und in dem hilflosen Versuch, dem Tempo Ihrer Muse zu folgen, mitschreiben wollen, können Sie fast sicher sein, dass Sie Ihr verschlafenes Gekrakel am nächsten Morgen kaum noch lesen können. Aber beschweren Sie sich ja nicht, das könnte sie Ihnen mit ihrer sensiblen weiblichen Seele übel nehmen und dann für mindestens eine Woche gänzlich schmollen. Damit ist Ihnen dann auch nicht geholfen. Außerdem hätten Sie ja auch den Stenokurs in der Volkshochschule belegen können, den Sie für antiquiert gehalten haben. Aber sei es drum.

 

Es ist und bleibt einfach ein Naturgesetz: Musen sind Zicken und darum eindeutig weiblich. Was Sie dagegen tun können? Gar nichts! Machen Sie einfach das Beste daraus. Wie im wahren Leben. Und irgendwie hat man sie ja auch gern. Meine Muse ist irgendwie auch eine ganz tolle Freundin. Die zwar häufig über mich her fällt und mir in den Ohren liegt, mich manchmal einfach hängen lässt, wenn ich sie am meisten brauche, mit der ich aber auch ganz tolle Frauengespräche führen kann. Wir lachen gemeinsam, weinen gemeinsam und schmachten unsere Helden an. Auch wenn – oder gerade weil – wir manchmal beide Zicken sind. Letztlich verstehen wir uns gerade deshalb eben richtig gut.

 

Übrigens: Natürlich gibt es – nicht nur der Gleichberechtigung wegen – auch ein männliches Pendant zu unserer Muse. Dies nennt sich Muserich. Klingt natürlich nicht ganz so toll, dafür sehen diese Finessen der kreativen Natur allerdings umso heißer aus. Der perfekte Body, ein mördertiefer Blick, jede Haarsträhne sitzt und das Outfit ist immer perfekt, egal ob Business, Casual oder Naturbursche. Adonis ist ein Niemand dagegen. Herkules kann seine Muskeln einpacken, denn neben einem Muserich sieht er fast wie ein Spargeltarzan aus. Als Fotomodell eignen sie sich bedauerlicherweise nicht, weil augenblicklich sämtliche Kameralinsen beschlagen, so sehr heizen sie den anwesenden Damen ein. Sie wissen immer, was wir wollen und vor allem wann wir es wollen. Mal sind sie hard, mal smart – mal cool und mal hot, mal perfekter Gentleman und dann wieder Bad Boy. Keiner kennt unsere Sehnsüchte besser … und lässt uns länger schmachten. Sie könnten wirklich perfekt sein, wären da nicht ihre Schwächen. Mit ihnen diskutieren bringt nämlich zum Beispiel wenig, denn dafür sind sie nicht gedacht. Ihre Intelligenz beschränkt sich auf das Wesentliche, nämlich im Idealfall genau das, was wir für den aktuellen Plot brauchen – in weniger idealen Fällen nicht einmal das. Sie sind mehr als Augenweide gedacht, nicht als Berater oder Ideenschmied. Sie sollen uns nicht zutexten, sie sollen uns inspirieren und unsere Ur-Instinkte ansprechen, damit sich unsere Romanhelden an ihnen messen lassen müssen, nur um sie doch zumeist um ein Quäntchen zu verfehlen. Was aber gar nicht so schlimm ist, denn das allerletzte was man in einem Roman gebrauchen kann, sind männliche Musen in Reinform. Warum? Ganz einfach: Auch sie sind eben musisch und somit zickig. Und zwar weit schlimmer, als ihr weibliches Pendant, halten sie sich doch – typisch männlich – noch dazu für die Krone kreativer Schöpfung. Wir könnten ihnen darüber Vorhaltungen machen, wenn … ja wenn sie eben nicht so bildschön und perfekt wären, dass man ihnen fast schon wieder alles verzeiht. Schließlich lieben und brauchen wir sie ja auch, und sei es nur für unsere Träume, aus denen Geschichten erwachsen. Da reichen beim Muserich halt Bilder, wo die Muse Worte braucht. Frauen reden eben mehr wie Männer, auch bei der musischen Gattung.

 

In diesem Sinne: Es leben die Musen … und Museriche. Weil wir Autoren ohne sie ein so viel leichteres, aber eben auch so viel langweiligeres Leben führen würden.

 

 

Tanya Carpenter

 

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