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Es war eine gewittrige Nacht. Blitze zuckten und der Donner grollte. Nicht gerade angenehm, wenn man mit dem Auto unterwegs war. Doch Ralf Peterson war als Reporter nicht das erste Mal bei so einem Unwetter unterwegs. Es machte ihm nichts aus. Was ihm allerdings sehr wohl etwas ausmachte, war bei diesem Regenguss eine Reifenpanne zu haben. Und das in einer Gegend, wo weit und breit weder Telefon noch Tankstelle waren.
Nicht gerade das, was er sich unter Feierabend vorstellte. Und dann gab auch noch der Akku seines Handys den Geist auf.
„Verdammt! Hier muss doch irgendwo eine Menschenseele sein.“

Er wusste zu gut, dass dies nur ein frommer Wunsch blieb. Um diese Zeit und bei solchen Wetterverhältnissen würde sich kaum jemand hier draußen herumtreiben.
Also nahm Ralf seinen Regenschirm vom Rücksitzt und beschoss, sich auf die Suche nach jemandem zu machen, der ihm weiterhelfen konnte. Vielleicht hatte er Glück und es gab doch jemanden, der so verrückt war, auf einer abgelegenen Straße im Gewitter einen nächtlichen Spaziergang zu machen.
Und tatsächlich, so schien es ihm nach einem Fußmarsch von etwa fünfzehn Minuten, war da jemand.
„Hallo? Hallo, Sie da!“, rief er und rannte auf den vermeintlichen Helfer zu. Doch zu seiner Enttäuschung musste er feststellen, dass es sichnur um einen Mantel handelte, den jemand an einem Wegweißer aufgehangen hatte.
„Na toll“, meinte Ralf zu sich selbst. Doch dann stutzte er. „Bennon Hall“, las er auf dem Holzschild, an dem der Zahn der Zeit schon arg genagt hatte.
Dann gab es hier in der Gegend wohl doch Menschen. Und die besaßen sicher auch ein Telefon.
„Na dann mal los.“
Der Regen peitschte immer heftiger hernieder und Ralf war kaum mehr in der Lage, fünf Meter weit zu sehen. Endlich glaubte er im Zucken eines Blitzes ein Gebäude zu erkennen, dass entfernt an eine Burg erinnerte. Er beschleunigte seine Schritte. Dann stand er direkt vor dem eisernen Tor, das den Zuweg zum Gemäuer markierte. Immerhin aber nicht verschloss, denn es hing lose in den Angeln.
„Fehlt denen das Geld oder das handwerkliche Geschick, um so was zu reparieren?“
Ralf schüttelte den Kopf, zwängte sich durch den Spalt und lief die letzten Meter zum Eingang.
„Ein unheimliches altes Gemäuer“, stellte er fest. Doch welche Wahl blieb ihm? Im strömenden Regen zu nächtigen und sich den Tod zu holen? Da wollte er doch lieber ins trockene Innere, egal wie sehr sich ihm die Haare zu Berge stellten. Er fasste sich ein Herz und klopfte an.
Niemand kam.
Gerade wollte Ralf erneut die Hand heben, da tat sich die Tür wie von Geisterhand auf. Unsicher betrat Ralf das alte Gemäuer. Drinnen lag dicker Staub auf dem Boden und den Möbeln. Es roch modrig, Spinnweben hingen wie filigrane Kunstwerke von der Decke und an den Wänden.
„Wie gemütlich!“
Er tastete an der Wand entlang, ignorierte, wenn ihm etwas über die Finger krabbelte, konnte jedoch nirgends einen Lichtschalter finden. Immerhin fand er auf einer Kommode in der Nähe des Eingangs Streichhölzer und einen Kerzenlüster mit frischen Wachskerzen. Die Zündköpfe waren feucht, sodass er mehrere Versuche brauchte, bis die Kerzen brannten. Im fahlen Licht sah der Raum auch nicht wohnlicher aus. Eher noch unheimlicher. Am gegenüberliegende Ende des Raumes führte eine Treppe nach oben. Sie sah reichlich morsch aus. Dennoch wagte er sich hinauf. Vielleicht gab es oben Schlafzimmer und zumindest ein Bett, wo er die Nacht über schlafen konnte.
An den Wänden hingen Gemälde von Männern und Frauen – vielleicht die ehemaligen Besitzer der Burg. Auf jeden Fall war es jetzt verlassen. Ganz auf die Bilder konzentriert, bemerkte Ralf nicht die Risse in den Stufen, bis eine plötzlich unter ihm nachgab.
Um ein Haar wäre er gestürzt, doch er fing sich am Geländer ab.
„Dieser verdammte alte Kasten gehört unter Denkmalschutz gestellt“, fluchte er.
Oben angekommen erstreckte sich zu beiden Seiten en langer Gang an dessen Wänden ebenfalls Gemälde hingen. Hier und da rostete eine Ritterrüstung vor sich hin. Es wirkte ebenso heruntergekommen wie die Halle unten. Warum machte man kein Museum oder eine Touristenattraktion daraus?
Auf der Suche nach einem Schlafzimmer knarrte der Fußboden unter seinen Schritten. Da hörte er mit einem Mal ein leises Wimmern. Er blieb stehen und lauschte. Scheinbar kam es aus einem der Zimmer. Wohnte etwa doch jemand in diesem Kasten? Vielleicht ein Obdachloser, der wie er Zuflucht suchte? Oder nur ein Tier?
Er konnte nicht genau orten, woher das Geräusch kam. Vorsichtig stieß er eine der Türen auf. Was er darin fand, konnte er als Ursache des Jammerns ausschließen, denn ein Schwarm Fledermäuse fühlte sich gestört und ging mit lautem Schreien auf ihn los, ehe die Tiere in der Dunkelheit des Ganges verschwanden.
Vor Schreck hatte Ralf den Lüster fallen lassen. Gut, dass er die Streichhölzer mitgenommen hatte, so konnte er die Kerzen gleich wieder anzünden, um einen Blick in das offene Zimmer zu werfen.
Der Anblick hätte jede Putzfrau wohl zur Verzweiflung gebracht. Zentimeterdicker Staub, Spinnweben überall, Schlieren undefinierbaren Schmutzes auf den Läufern und dem Steinfußboden.
Ralf verließ den Raum und suchte weiter nach dem Winseln und Wimmern, bis er an eine Tür kam, hinter der es besonders deutlich erklang. Langsam drückte er die Klinke herunter. Belehrt durch das Erlebnis mit den Fledermäusen, öffnete er diesmal nur einen kleinen Spalt. Gerade genug, um mit den Kerzen hineinzuleuchten. Er erschrak.
In einer Ecke des Raumes saß ein Dobermann mit rotglühenden Augen, der die Zähne fletschte und ihn anknurrte. Mit einem gewaltigen Satz stieß sich das Tier vom Boden ab und flog auf Ralf zu. Vor Schreck ließ er erneut den Leuchter fallen. In der einsetzenden Dunkelheit wirkte das Rot der Hundeaugen umso bedrohlicher. Ralf stolperte rückwärts, fiel und der Hund baute sich über ihm auf, bereit zuzuschnappen. Gerade als er seine Reißzähne in Ralfs Körper schlagen wollte, erklang sanft aber bestimmt das Kommando einer Frau.
„Sultan, aus! Wirst du wohl unseren Gast in Ruhe lassen.“
Der Hund beruhigte sich augenblicklich, wich zurück und setzte sich auf die Hinterpfoten.
Benommen richtete Ralf sich auf und drehte sich zu seiner Retterin um. Aber dort, woher die Stimme gekommen war, stand nur ein brennender Leuchter. Zögernd ging Ralf darauf zu, nahm ihn auf und musste feststellen, dass das Metall kalt war. Unwahrscheinlich, dass jemand ihn kurz zuvor noch in der Hand gehalten hatte.
Auch von dem Hund keine Spur mehr. Ihm lief es eiskalt den Rücken herunter. Sekunden später blieb ihm fast das Herz stehen, als aus den unteren Räumen Klaviermusik erklang.
Er rief sich zur Ordnung. Ein rational denkender Mensch wie er würde doch nicht an Geister glauben oder sich hier ins Bockshorn jagen lassen. Entschlossen machte er sich auf den Weg nach unten, um herauszufinden, wer wohl um drei Uhr nachts Klavier spielte.
Dabei machte er eine weitere beunruhigende Entdeckung. Dort, wo er eben eingebrochen war, gab es kein Loch mehr in der Treppe. Auch die Bilder an den Wänden schienen andere zu sein. Bildete er sich das nur ein? Langsam beschlich ihn das ungute Gefühl, dass etwas in dieser Burg nicht mit rechten Dingen zuging.
Er leuchtete eines der Bilder an, das eben noch ganz sicher ein kleines Mädchen mit roten Haaren gezeigt hatte. Nun lächelte ihm eine blonde Frau im Hochzeitskleid entgegen. Ralf streckte die Hand aus, um das Bild zu berühren, da fiel es mit einem Knall herunter. Erschrocken fuhr er zurück und griff sich ans Herz. Wenn das so weiterging, drehte er noch durch.
„Sie sollten vorsichtiger mit dem Eigentum anderer Leute sein.“
Ralf blickte die Treppen hinunter, wagte seinen Augen kaum zu trauen. Dort stand das rothaarige Mädchen. Er bückte sich nach dem Bild, doch es war nicht mehr da, und als er wieder aufsah, war auch das Kind verschwunden.
Dafür erklang das Klavier wieder. Er schluckte tapfer den Kloß in seinem Hals hinab und folgte der Musik bis zu einem großen Raum, der – ganz im Gegensatz zur restlichen Burg – sauber und ordentlich dalag. Die blonde Braut saß an einem Flügel und spielte. Er sah nur ihr Profil, weil sie halb von ihm abgewandt saß. Sie sah sehr blass aus, ihr Blick war leer und entrückt. Als weile sie tief in einer Erinnerung, die ihr Tränen über die Wangen fließen ließ.
„Sie spielen sehr schön“, sagte Ralf freundlich.
Erschrocken fuhr die Frau herum. Aber das war gar nicht die junge Frau, sondern ein Mädchen von vielleicht elf oder zwölf Jahren. Hatten seine Augen ihn so getäuscht?
Mit schreckgeweiteten Augen sprang die Kleine auf und rannte davon.
„Du musst keine Angst haben“, rief Ralf und folgte ihr nach. Aber als er durch die Tür trat, hinter der das Kind verschwunden war, fand er nur einen leeren Raum, aus dem auch keine zweite Tür hinaus führte. Wo war das blonde Mädchen hin?
„Sie sollten Maria nicht so erschrecken. Sie fürchtet sich vor Fremden.“
Als Ralf sich umdrehte, stand er der Braut gegenüber, doch allmählich zweifelte er, ob er seinen Augen wirklich trauen durfte.
„Kommen Sie“, lud sie ihn ein. „Ihr Zimmer ist jetzt fertig.“
Er folgte der Frau zögernd, doch am oberen Treppenabsatz angekommen, fand er sich abermals allein wieder. Nur jede Menge Leuchter säumten jetzt den Gang zu beiden Seiten, sodass die Dunkelheit vertrieben war.
Eine Zimmertür stand offen. Auch darin brannten Kerzen und außerdem ein Feuer im Kamin. Seltsam. Ralf hätte schwören können, dass dies das Zimmer mit den Fledermäusen war. Oder drehte er jetzt völlig durch?
„Gute Nacht, Sir!“, hörte er die Stimme der blonden Frau und im nächsten Moment schloss sich die Tür hinter ihm. Ralf rannte hin, um sie wieder aufzureißen, doch sie war abgesperrt. Erst nach einigem Rütteln gelang es ihm, sie zu öffnen. Er stürzte in den Gang, von der Frau keine Spur. Niedergeschlagen kehrte er ins Zimmer zurück, doch da lag jetzt der Dobermann von vorhin auf dem Bett. Diesmal bedrohte er ihn nicht, sondern sah ihn mit treuem Hundeblick an.
„Du weißt, was dein Frauchen gesagt hat. Du sollst mir nichts tun“, erinnerte er das Tier.
Der Hund antwortete mit einem lauten Wuff und verschwand im nächsten Augenblick vor Ralfs Augen.
„Was zum Teufel ...?“
Fassungslos starrte er auf das leere Bett. Ein Hund konnte sich doch nicht in Luft auflösen.
Das wurde ihm alles zuviel. Außerdem übermannte ihn eine bleierne Müdigkeit. Das Zimmer verschwamm vor seinen Augen. Er schaffte es gerade noch bis zum Bett, sank darauf nieder und war sofort eingeschlafen.
Ein Klopfen weckte ihn. Er fuhr hoch, hatte das Gefühl, nur Sekunden geschlummert zu haben.
„Herein!“, rief er, doch nichts rührte sich. „Hallo? Wer ist da?“
Da noch immer keine Antwort kam, stand er auf und öffnete die Tür, um sofort in Deckung zu springen, als eine Ritterrüstung ihm mit gezogenem Schwert entgegenfiel. Scheppernd fiel sie zu Boden und brach in ihre Einzelteile auseinander.
„Was soll denn das schon wieder?“
Er hatte die Frage kaum ausgesprochen, als sämtliche Türen auf dem Flur zu Schlagen begannen. Wie von Geisterhand öffneten und schlossen sie sich, draußen tobte weiter das Gewitter, Wind heulte durch die Gänge und die Blitze tauchen das Innere des Gemäuers in bizarres Licht.
„Wer wagt es, die Seelen von Bennon Hall zu stören. Wer beraubt Mary Anne Bennon ihrer ewigen Ruhe?“
Die Stimme der blonden Frau war ihm inzwischen vertraut, ebenso ihr Anblick. Schockierend war nur, dass sie wie aus dem Nichts vor ihm stand und einen Dolch in der erhobenen Hand hielt.
Ralf konnte sich mit einem Sprung zur Seite retten, bevor die Klinge in die nunmehr geschlossene Tür seines Schlafzimmers drang und stecken blieb.
Er hob abwehrend die Hände, stammelte eine Entschuldigung, während die Blonde in ihrem Hochzeitskleid auf ihn zuschritt. Die Augen so wirr und leer wie unten am Flügel. Er duckte sich in Erwartung eines Angriffs, doch stattdessen glitt die Frau durch ihn hindurch. Es fühlte sich an wie ein eisiger Hauch. Sein Herz schlug schmerzhaft gegen seine Rippen. Er erwartete schon gar nicht mehr, sie zu sehen, als er sich umdrehte, und natürlich lag da nur ein leerer Gang. Die Tür zu seinem Zimmer flog wieder auf, dahinter lag der Raum so staubig und verwahrlost, wie vorhin.
„Was geht hier vor?“
Zur Antwort erklang ein Lachen. Allmählich wurde es Ralf zu bunt. Entschlossen machte er sich auf die Suche nach dieser Stimme. Irgendwo musste sie ja schließlich herkommen.
Er glaubte nicht an Geister. Es gab immer eine logische Erklärung.
Ralf behielt Recht. Jedenfalls fand er in einer der Ritterrüstungen ein Tonband, das er ausschaltete. Wie auf Kommando sprang der Dobermann wieder vor ihn, doch diesmal stand er ihm nicht wehrlos gegenüber. Entschlossen ergriff er die Lanze der Rüstung.
„Na komm, mein Kleiner. Komm schon Hasso, fass doch.“
Der Hund fletschte die Zähne und funkelte Ralf drohend an. Doch ohne den roten Lichteffekt in den Augen sah es nur halb so eindrucksvoll aus. Unterschätzen würde er den Rüden aber dennoch nicht. Und das mit gutem Grund, denn das Tier zögerte nicht länger, sonder sprang ihn an. Er wehrte Sultan mit der Lanze ab. Mit einem Jaulen brach der Hund tödlich getroffen zusammen.
„Dann wollen wir mal sehen, was dein Frauchen macht.“
Ralf stieg über den leblosen Körper hinweg und ging in die Richtung, aus der der Hund gekommen war. Nicht lange und er fand eine Tür, unter der Licht hindurchdrang. Er legte das Ohr an die Tür und wurde Zeuge einer interessanten Unterhaltung.
„Was nun Carol? Was machen wir mit dem Kerl?“
Eine sehr vertraute Frauenstimme lachte.
„Du meinst, mit seinen Überresten. Burt, mein kleiner Sultan macht Hackfleisch aus der halben Portion. Bis der Rest von ihm in diesem Gruselkasten gefunden wird, sind wir über alle Berge.“
„Und was wird mit Liza?“
„Die Kleine lassen wir laufen. Wir haben jetzt das Lösegeld. Bis die Göre wieder in bewohntes Gebiet findet, sonnen wir uns schon in der Südsee.“
Ralf hörte, wie die beiden zur Tür kamen und versteckte sich blitzschnell hinter einer Ritterrüstung. Carol und Burt bemerkten ihn nicht. Als sie außer Sichtweite waren, lief er in das Zimmer und sah sich um. Kein Telefon, aber einer der beiden hatte sein Handy liegen lassen. Welch glückliche Fügung. Und er hatte sogar ein Netz, wenn auch nur sehr schwach. Ralf zögerte nicht, sondern wählte den Notruf.
„Hallo? Hier ist Ralf Peterson. Ich bin auf Bennon Hall. Hier sind zwei Verbrecher, die ein kleines Mädchen entführt haben. Hallo? Hallo?“
In der Leitung knackte es fürchterlich, er glaubte, jemanden am anderen Ende zu hören, doch sicher war er sich nicht.
„So, so, da ist also tatsächlich jemand meinem Sultan entkommen.“ Die Stimme hinter ihm troff vor Gift. Gleich darauf drückte ihm jemand den Lauf einer Pistole in die Rippen.
„Mit wem haben Sie gesprochen?“
„Mit einer Tankstelle“, log er. „Ich hatte eine Panne. Nur deshalb bin ich hier.“
Sie lachte humorlos auf. „Verarschen Sie mich nicht.“
Nach einem Blick auf das Display, wies sie ihren Komplizen an. „Fessle ihn. Er hat die Bullen verständigt. Wir müssen zusehen, dass wir hier weg kommen.“
Der grobschlächtige Mann kam näher, die Frau hielt immer noch die Pistole auf ihn gerichtet. Ralf blickte sich nach etwas um, das er als Waffe benutzen konnte und wurde abermals fündig. Auf dem Tisch stand eine halbvolle Flasche Whiskey.
Sekt oder Selters, dachte er sich und ergriff den Flaschenhals, um Burt damit eins über den Schädel zu ziehen. Der wehrte den Schlag mit dem Arm ab, aber Ralf duckte sich und rammte ihm den Kopf in die Magengrube. Die beiden Männer rangen am Boden miteinander, während Carol vergeblich zu zielen versuchte und wie eine Hysterische kreischte. Unter diesen schrillen Ton mischte sich das Heulen von Polizeisirenen. Für Ralf klang es wie Musik.
 
Eine halbe Stunde später kümmerte sich ein Polizeipsychologe um die kleine Lisa, während Carol und Burt in Handschellen abgeführt wurden.
„Sie sehen ganz schön mitgenommen aus, Junge“, sagte ein Officer zu Ralf und klopfte ihm auf die Schulter.
„Kunststück. Der Typ ist ein halber Stier.“ Er drückte einen Eisbeutel, den ihm ein Sanitäter gegeben hatte, auf seine aufgeplatzte Lippe.
„Wollen Sie mit ins Krankenhaus, oder soll ich Sie in ein Hotel fahren?“
Ralf winkte ab. „Hotel reicht völlig.“
„Okay. Morgen brauch ich dann Ihre Aussage auf dem Revier.“
„Könnte vielleicht jemand meinen Wagen ...?“
Der Polizist winkte ab. „Den haben wir schon gesehen. Hab eine Abschleppdienst bestellt.“
Für die heiße Dusche und das weiche Hotelbett konnte Ralf Officer Devon gar nicht genug danken, als er ihm am nächsten Morgen erzählte, was sich zugetragen hatte.
„Reicht für eine Gruselstory“, scherzte der Polizist.
„Das können Sie laut sagen. Und ich weiß, wovon ich rede, ich bin Reporter.“
Ralfs Gegenüber verdrehte die Augen. „Immer diese Sensationsjäger. Da waren sie ja buchstäblich am Puls des Geschehens. Liza ist die Tochter eines Multimillionärs. Wir suchen sie seit über einem Monat. Bei der Lösegeldübergabe ist uns dieses Gangsterpärchen entwischt und wir dachten schon, die Kleine lebt nicht mehr.“
„Meine Zeitung wird begeistert sein.“ Das war Stoff für die Titelstory. Ralf zögerte einen Moment. „Können Sie mir vielleicht noch ein paar Details geben? Über diese Burg und wie die das mit den Zimmern gemacht haben und so?“
Der Officer grinste breit. „Die zwei müssen schon ne Weile Quartier im Geisterhaus bezogen haben. Kannten sich bestens aus. Doppelte Wände, Geheimtüren, drehbare Räume. All so ein Schnickschnack. Das Ding ist vor Jahren mal als Filmkulisse verwendet worden. Ein paar Requisiten sind dabei zurückgeblieben. Ebenso Leitungen für Bildprojektionen und Geräusche. Die wusste Carol Turner zu nutzen. Sie hat ein Händchen dafür. Burt ist nur der Mann für’s Grobe.“
„Verstehe!“
 Devon lachte. „Sie haben doch nicht wirklich an Geister geglaubt.“
Ralf verzog das Gesicht. „Zwischendrin war ich mir gar nicht so sicher.“
Eine Stunde später saß er in seinem Wagen auf dem Weg nach Hause. Dort würde er sich sofort an den Artikel setzen. „Der Geist von Bennon Hall.“

 
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