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Prolog

Der Klang der sich schließenden Tür ließ Isobel zusammenzucken. Als sie sich umdrehte, stand Cyprus vor ihr. Ihr künftiger Schwager, Jareds Bruder und gleichzeitig der Mann, mit dem sie seit Monaten eine Affäre hatte.

Sein Lächeln jagte Isobel einen Schauder über den Rücken – sie wusste selbst nicht, ob erwartungsvoll oder vor Angst.

Cyprus verkörperte den Typ Mann, dem die meisten Frauen allzu leicht verfielen, obwohl sie ihn gleichzeitig fürchteten. Charismatisch, sexy - mit seinen langen dunklen Haaren, den samtbraunen Augen, die mal unschuldig, mal verrucht dreinschauten und einem durchtrainierten, muskulösen Körper. Seine Lippen besaßen einen wundervollen Amorbogen und waren samtig weich. Meist von einem lässigen Dreitagebart umrahmt. Cyprus war intelligent, belesen, sehr charmant, dabei aber auch ausgesprochen dominant und lüstern. Er war mehr als einfach nur der vielbesagte Bad Boy. Diese Bezeichnung wäre ihm nicht gerecht geworden. Er war einer von der Sorte, die hinter jede Fassade blickten, die dunkelsten Geheimnisse und Sehnsüchte einer Frau ergründeten und sie dazu verführten, diese auch auszuleben, egal wie moralisch verwerflich sie auch sein mochten. Für ihn gab es keine Skrupel und keine Tabus. Genau das machte Cyprus aus – und den Reiz, sich auf ihn einzulassen.

Auch Isobel hatte der Versuchung nicht widerstehen können, als er sie umwarb, obwohl sie fest mit seinem Bruder Jared liiert war, der charakterlich das genaue Gegenteil von Cyprus war. Jared war bodenständig, liebevoll, treu und umsorgend. Ganz der Traummann, der einem jeden Wunsch von den Augen ablesen und eine Frau auf Händen tragen würde.

Vielleicht lag gerade darin der Reiz der beiden Zwillingsbrüder, die sich optisch wie ein Ei dem anderen glichen. Ein Umstand, den Cyprus zu Anfang auch noch schamlos ausgenutzt hatte, um Isobel hinters Licht zu führen. Ihre erste gemeinsame Nacht hatte sie in dem Glauben verbracht, in Jareds Armen zu liegen. Erst am Morgen hatte Cyprus ihr die Lüge gestanden, doch da war es bereits um sie geschehen gewesen. Heute konnte sie die beiden sehr wohl voneinander unterscheiden. Sie ließ sich nicht mehr durch das Aussehen täuschen, erkannte die feinen Nuancen in den Zügen und die vielen kleinen Eigenarten, die beide voneinander unterschieden.

Nun aber wollte sie sich nicht länger von Cyprus benutzen und manipulieren lassen. Ihre Affäre war vorbei. Für immer. Obwohl allein sein Anblick und das laszive Lächeln auf seinen Lippen ihre Entschlossenheit bereits wieder ins Wanken brachten, weil sie unzählige Erinnerungen in ihr auslösten – an verbotene Leidenschaften, die sie niemals jemandem würde anvertrauen wollen.

»Ich … heirate gleich«, presste Isobel stockend hervor und strich sich nervös die elfenbeinfarbene Seide ihres Brautkleides glatt, das eigens für sie entworfen und angefertigt worden war und ein kleines Vermögen gekostet hatte.

Die Bemerkung war unnötig. Schließlich war Cyprus der Trauzeuge seines Bruders. Doch sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.

»Wirst du das?«, fragte er und kam langsam näher. Seine Bewegungen erinnerten Isobel an einen Panther auf der Jagd. Lässig und zugleich angespannt. Die Beute fixierend, aber noch in Sicherheit wiegend. Als er direkt vor ihr stand, füllte der Duft seines Aftershaves ihre Lungen. So vertraut, dass sie abermals erschauerte. Er roch nach Moos und Sandelholz mit einer feinen Note von Moschus - wie ein dunkler, tiefer Wald voller Gefahren und Verlockungen. Allein mit seinem Blick nahm er sie erneut in Besitz.

»Ja«, sagte er und fuhr mit dem Zeigefinger von ihrer linken Schläfe über den Wangenknochen hinab zu ihrem Kinn. »So wie es aussieht, hast du es tatsächlich geschafft, Jared davon zu überzeugen, dir einen Ring an den Finger zu stecken. Was für eine Verschwendung.« Behutsam strich er ihr eine widerspenstige Locke hinter das Ohr, die sich aus ihrer festlichen Frisur gelöst hatte. Sie konnte ihm kaum in die Augen sehen vor Schuldgefühlen. Allerdings konnte sie ebenso wenig den Blick abwenden.

»Cyprus, bitte. Das darf nicht mehr so weitergehen. Nicht nach dem heutigen Tag.«

Er ging auf ihre Einwände gar nicht ein, sondern beugte sich vor, umfasste ihren Nacken mit seiner Hand und küsste sie. Erst sanft, dann immer leidenschaftlicher und voller Begehren. Isobel wusste, sie sollte ihn wegstoßen, aber dafür fehlte ihr die Kraft. Sie wollte ihn noch immer so sehr.

»Du willst es, ich weiß es. Du bist genauso scharf darauf wie ich«, raunte er und zog mit seinen Lippen eine heiße Spur an ihrer Kehle entlang, während er mit der freien Hand den engen, kurzen Rock ihres Brautkleides nach oben schob. Isobel keuchte, ließ ihn aber gewähren. Sie wehrte sich auch nicht, als Cyprus sie auf die dunkle Eichenholzkommode hob, nachdem er all die Tiegel und Flacons darauf achtlos beiseitegeschoben hatte. Ein Beben durchfuhr sie, als er langsam ihr Höschen nach unten zog und dabei vor ihr in auf die Knie ging. »Gib zu, es ist verdammt scharf, es im Brautkleid miteinander zu treiben, oder nicht?« Er küsste die Innenseite ihrer Oberschenkel. Sein Dreitagebart kratzte über ihre weiche Haut. Zentimeter für Zentimeter näherte er sich ihrer Scham, über die er schließlich neckend seine Zunge gleiten ließ, was Isobel ein leises Stöhnen entlockte. »Noch bist du nicht Jareds Ehefrau.« Sein Blick glühte förmlich, wie er sie über den blütenreinen Stoff des Kleides hinweg ansah, während er sie hingebungsvoll mit seiner Zunge verwöhnte. Er war so unsagbar geschickt darin, genoss es stets, sie damit vollkommen unter Kontrolle zu haben und zu einer willenlosen Marionette seiner Lust zu machen. Isobel sah eine Dunkelheit in seinen Augen, vor der sie einerseits fliehen, sich andererseits aber auch darin verlieren wollte. Wie schon so oft in den letzten Monaten. Schon seine bloße Anwesenheit ließ sie feucht werden.

Er glitt mit seiner Zunge zwischen ihre Schamlippen, stieß immer wieder neckend in ihre Scheide, saugte ihren Kitzler in seinen Mund. Isobel glaubte, vor Lust bersten zu müssen. Sie stöhnte, legte den Kopf in den Nacken und krallte ihre Finger in sein dichtes, langes Haar, als die ersten Wellen eines heftigen Orgasmus über sie hinwegrollten.

Der Schmerz, als er endlich tief und hart in sie stieß, war bittersüß. Er entlockte Isobel einen lustvollen Schrei. Cyprus nahm sie brutal in Besitz, brachte sie dank des vorangegangenen Zungenspiels mit nur wenigen Stößen zum zweiten Höhepunkt, doch damit hatte er längst nicht genug. Er küsste ihr die Lippen wund, knetete ihre kleinen Brüste, die er zuvor aus dem engen Mieder befreit hatte, so fest, dass sie schmerzten, und ihre Nippel hart wurden. Gierig saugte er sie zwischen seine Lippen, ließ Isobel seine Zähne spüren und nahm sie mit derselben rücksichtslosen Leidenschaft, die ihr am Anfang ihrer Affäre noch Angst gemacht hatte. Damals war es nur das Vertrauen in Jared gewesen, das es sie ertragen ließ. Nicht wissend, wer sie da tatsächlich einer solch harten Prüfung unterzog. Sie wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass es sein Zwillingsbruder war. Inzwischen wollte sie diesen bittersüßen Schmerz sogar, der damit einherging. Sie wollte, dass Cyprus sie für seine Triebe benutzte und ihr seinen Stempel aufdrückte, weil es sie unglaublich anmachte, sich ihm zu unterwerfen.

Er hatte sie geschickt in all seinen Spielchen unterwiesen und sie geformt, sie war wie Wachs in seinen Händen. Liebesschwüre hatte es nie gegeben. Sie konnte ihm nicht vorwerfen, dass er ihr jemals etwas vorgespielt hätte. Cyprus hatte sie auf andere Weise an sich gebunden. Ihm ging es nur um Sex - in immer ausgefalleneren Spielarten. Er hatte sie an erotische Grenzen getrieben, die sie sich zuvor in ihren kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Hatte ihr beigebracht, wie nah Lust und Schmerz beieinanderlagen, wenn man es verstand, mit beidem zu spielen. Dass sie ihre große Liebe mit seinem eigenen Bruder betrog, war eine Schuld, die sie innerlich auffraß. Aber nicht, wenn sie in Cyprus‘ Armen lag. Es war eine Sucht – ein Teufelskreis. Jedes Mal, wenn sie wieder schwach geworden war, bereute sie es viel zu spät, und ihr schlechtes Gewissen trieb sie erneut in seine Arme, weil sie nur dort die Schuldgefühle vergessen konnte, auch wenn sie wusste, dass es Selbstbetrug war und sie sich anschließend umso mehr selbst hasste. Sie hatte gehofft, die Hochzeit würde das beenden. Dass Cyprus sie in Ruhe ließ, wenn sie zeigte, dass es ihr ernst war mit Jared, ihre Gefühle echt. Vielleicht würde er das tun. Nach der Trauung. Sie hoffte es, redete es sich ein, weil sie es glauben wollte. Nur noch dieses eine Mal. Dieses eine letzte Mal. Er war einfach zu gut, um sich ihm zu verweigern.

Keuchend erreichte Cyprus den Höhepunkt und ergoss sich mit einem letzten harten Stoß in ihr. Isobel zitterte. Sie hielt ihn noch immer umschlungen, spürte aber, wie sein Körper kalt und abweisend wurde. Fast so, als widere sie ihn an. Sie hätte weinen können vor Scham. Wie konnte sie Achtung von ihm erwarten, wenn sie sich wie eine läufige Hündin benahm, sobald er sie anfasste.

Dennoch war seine Berührung sanft, als er ihre Arme von seinem Hals löste und sie von sich schob. Das Lächeln auf seinen Lippen besaß etwas Boshaftes. Gott, er war selbst in diesen Momenten schön. So unwiderstehlich schön. Wie ein verführerischer Dämon. Aber er war auch genauso grausam.

Cyprus ließ Isobel nicht aus den Augen, während er seine Hose hochzog und den Reißverschluss wieder schloss. Unter seinen Blicken fühlte sie sich nackt und verletzlich. Schamesröte schoss ihr in die Wangen.

Nachdem er sich wieder angezogen hatte, nahm er einige Papiertücher von dem Schminktisch und reichte sie ihr. »Du solltest dich ein wenig herrichten, ehe du nach unten gehst. Nicht, dass Jared noch denkt, du würdest ihn betrügen.« Sein Lachen traf sie wie ein Peitschenhieb, der sich sengend in ihre Seele fraß. »Wir sehen uns dann auf der Hochzeit, Liebes. Wenn du dir wirklich sicher bist, dass du das tun willst.« In seinen Augen blitzte es diabolisch, sein Lächeln wirkte aufgesetzt. »Allerdings …«, meinte er gedehnt, »ich könnte natürlich auch meine Bedenken äußern. Fragt der Priester nicht immer danach, ob jemand einen Grund wüsste, der gegen die Ehe spricht? Wer hätte wohl einen besseren Grund dafür, sein Veto einzulegen, als ich? Was meinst du, ob meine Argumente reichen werden? Unsere kleinen Geheimnisse ... und ganz besonders deines.« Sein Blick war herausfordernd, vielleicht auch als eine Art letzte Warnung gedacht.

»Das wirst du doch nicht tun«, wisperte sie ängstlich.

»Wer weiß?« Seine Miene blieb unergründlich. »Ich denke drüber nach.«                                                                  

»Warum, Cyprus? Warum tust du mir das an? Wann wirst du mich endlich in Ruhe lassen?«

Jetzt wurde sein Gesichtsausdruck finster und er machte keinen Hehl mehr aus seiner Abscheu. Grob umfasste er ihr Kinn, sodass sie ihm direkt in die Augen sehen musste. Die Ähnlichkeit mit Jared war in diesem Moment erschreckend. »Ich werde dich nie in Ruhe lassen, Isobel, weil du mir gehörst, und das weißt du auch. Du bist meine kleine Hure, mit der ich machen kann, was ich will, wann ich will und wo ich es will. Das wird nicht aufhören. Ich gebe dich nicht mehr frei. Und egal, was du sagst, ich weiß genau, dass du schon ganz nass zwischen deinen Schenkeln wirst, wenn du nur daran denkst, was ich alles mit dir anstellen werde. Wer sich einmal verkauft hat, tut es auch ein zweites Mal und wer weiß, wie oft noch. Wir wissen beide, dass du Jared gar nicht verdient hast. Dass du seiner nicht wert bist. Was wird er wohl sagen, wenn er von unseren verdorbenen, kleinen Spielchen erfährt. Wenn er die Videos sieht, die ich von uns gemacht habe, während ich dich überall in eurer Wohnung gefickt habe? Auf denen du dir die Seele aus dem Leib schreist vor Geilheit. Ob das dann noch zu dem Bild passt, das er von dir hat? Sein kleiner Unschuldsengel … ein wahrer Lustdämon. Was wird er von dir halten? Ob er dir das verzeihen kann? Oder wird er sich vor dir ekeln? Was denkst du, wird es für ein Gefühl sein, wenn er dich mit Abscheu in den Augen ansieht und dich nicht mehr anrühren will? Denk darüber nach, Isobel. Du kannst dir das alles ersparen. Du musst einfach nur aus seinem Leben verschwinden und dir einen anderen Goldesel suchen, den du an der Nase herumführen kannst.«

»Das kannst du nicht machen. Das würdest du nicht tun. Dann würde er dich genauso hassen.«

Es war eine halbherzige Drohung, aber auch damit konnte sie ihn nicht beeindrucken. Ein zynisches Lächeln spielte um seine Lippen. »Unterschätze mich nicht, Baby. Ich kenne meinen Bruder sein Leben lang und er mich. Wir stehen einander viel näher, als du dir vorstellen kannst. Ich werde ihm schon erklären, wie du mich dazu verleitet hast, da fällt mir genug ein. Und eins sollte dir klar sein, er wird mir immer mehr glauben als dir.«

Sie schluchzte haltlos, auch wenn sie wusste, dass sie damit bei Cyprus kein Mitleid erregen konnte. Darum ging es ihr nicht. Die Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu. Wenn Cyprus seine Drohung wahr machte, würde sie das nicht ertragen und würde Jared sowieso verlieren. Er würde ihr niemals glauben, dass sie sich wirklich in ihn verliebt hatte und sich nichts sehnlicher wünschte, als ihr Leben mit ihm zu verbringen. Was sollte sie nur tun?

Cyprus lachte rau. Sie wollte ihn hassen, aber sie konnte es nicht. Allein sein Blick setzte sie schon wieder in Flammen. Gott, sie würde nie von ihm loskommen, und er ging in ihrem Haus ein und aus, wie er wollte.

»Denk noch mal in Ruhe darüber nach. Was du wirklich willst, kannst du auch von mir haben. Ich bin nicht geizig, wenn du dich ein bisschen bemühst. Und schließlich gefällt es dir ja, was ich mit dir anstelle. Dafür braucht es keinen Ring, kein Gelübde, das du noch in der Hochzeitsnacht brechen würdest.« Jetzt lachte er aus vollem Hals. »Falsch, du hast es ja nicht mal so lange ausgehalten. Sogar im Brautkleid hast du noch die Beine für mich breitgemacht. Wirklich beeindruckend. Was bist du doch für eine süße Braut.«

Cyprus‘ Stimme troff vor Hohn. »Was wirst du meinem Bruder gleich noch schwören? Treue? Liebe? Gehorsam? Bis dass der Tod euch scheidet? Und wenn ich morgen an deine Tür klopfe? Wie viel sind deine Schwüre dann wert?«

Sie senkte die Lider. Auf diese Frage gab es keine Antwort. Keine, die ehrlich und sogleich richtig war. Tränen stiegen in ihrer Kehle empor. Bahnten sich ihren Weg, füllten ihre Augen, bis Isobel sie nicht mehr zurückhalten konnte. Wie eine salzige Flut verschmierten sie ihre Schminke, malten schwarze Schlieren auf ihre bleichen Wangen. Ihre eigene Schwäche war wie ein Dolch, den Cyprus in ihr Herz stieß. Wieder und wieder. Sie schob ihren Rock nach unten, wollte an ihm vorbei, doch er hielt sie fest, küsste sie abermals und brachte ihr Blut sofort wieder in Wallung, obwohl sie sich vor sich selbst ekelte.

»Bitte! Hör auf! Tu mir das nicht an. Bitte lass mich in Ruhe.«

Ihre Verzweiflung erreichte Cyprus nicht. »Warum sollte ich? Damit du nicht das Gefühl haben musst, eine kleine notgeile Hure zu sein? Aber genau das bist du, Isobel. Ich kann dich immer haben. Jederzeit. An jedem Ort. Das weißt du ganz genau.

Ihr Körper bebte unter Tränen, doch sie schüttelte nur stumm den Kopf.

»Gott, erspar mir diese Show, das ist so jämmerlich.«

Jedes Wort war wie ein Peitschenschlag. Das Schlimmste aber war, dass sie ihm sogar recht geben musste. Sie hatte Jared nicht verdient, das wusste sie selbst. Er trug sie auf Händen, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, und sie betrog ihn. Sie liebte ihn so sehr, dass es wehtat, aber diese Liebe war auf einer Lüge aufgebaut.

Cyprus beugte sich zu ihr herunter, fasste grob ihr Haar im Nacken und bog ihren Kopf zurück, sodass Isobel aufschrie vor Schmerz. Aus seinem Gesicht schlug ihr schiere Verachtung entgegen.

»Überleg dir gut, ob du wirklich da runter gehst und versuchst, mit Jared einen auf heile Welt zu machen. Ich schwöre dir, dann mach ich dir das Leben zur Hölle. Jeden einzelnen Tag! Du kannst mir nicht entkommen, das weißt du. Ich werde dich so lange mit deinen Trieben und deiner Treulosigkeit quälen, bis du ihm nicht mehr in die Augen sehen kannst. Ist es das wirklich wert? Wird die ganze Kohle das aufwiegen?«

Stumm schüttelte Isobel den Kopf. Es stimmte einfach nicht, dass sie nur hinter Jareds Geld her war. Sie liebte ihn wirklich, aber sie schaffte es nicht, ihm treu zu sein. Nicht, solange Cyprus sie nicht in Ruhe ließ. Isobel wusste selbst nicht mehr, wie es so weit gekommen war. Warum sie sich auf ihn eingelassen und mit ihm geschlafen hatte. Er war so charmant gewesen. Geschickt und verlockend, ja. Aber dann hatte er sich gewandelt. Hatte sie unterworfen, sie gefesselt, sie die Peitsche spüren lassen. Nie so viel, dass es Spuren hinterlassen hätte, und auch nicht auf eine Weise, die sie als Qual bezeichnen würde. Im Gegenteil. Er verstand sich gut darauf, mit wohldosiertem Schmerz die Lust zu steigern. Die Nerven zu reizen, sodass sie umso empfänglicher wurden für die zärtlichen Liebkosungen danach. Grausam war Cyprus nie gewesen, und es lag durchaus ein gewisser Reiz darin, sich zu unterwerfen und einem starken Partner Gehorsam zu leisten, wenn man dafür stets belohnt wurde. Wehrlosigkeit ging mit Vertrauen Hand in Hand. Ungewissheit sensibilisierte die Sinne und verstärkte jede Empfindung. All das hatte Cyprus sie gelehrt, er hatte die verborgene Tür zu ihren geheimsten Träumen aufgestoßen, die sie nun allein nicht mehr zu schließen vermochte.

Isobel liebte Jared und sie hätte lügen müssen, wenn sie behaupten wollte, der Sex mit ihm wäre nicht ebenfalls aufregend und befriedigend. Er war anders, einfühlsamer, aufrichtiger. Aber nachdem sie einmal von der verbotenen Frucht genascht hatte, genügte ihr das andere allein nicht mehr. Cyprus war das genaue Gegenteil von Jared, obwohl sich die beiden Zwillingsbrüder so ähnlich sahen. Doch Jared hätte nie irgendetwas getan, was ihr Schmerz oder Furcht eingeflößt hätte. Er hätte ihr niemals seinen Willen aufgezwungen, sie nie verhöhnt und gedemütigt.

Warum war es genau das, was sie so verrückt nach Cyprus machte? Dieses Bis-an-die-Grenzen-gehen – und noch ein Stück darüber hinaus. Früher hätte sie jede Frau für verrückt erklärt, die so etwas mit sich machen ließ. Heute wusste sie, wie stark man dadurch in die Abhängigkeit geraten konnte. Ganz gleich, ob es logisch nachvollziehbar war oder nicht. Es war leichtsinnig gewesen, sich auf dieses Spiel einzulassen, aber der Reiz des Verbotenen war zu stark, zu verlockend gewesen. Und irgendwann war es zu spät, um aufzuhören. Sie schaffte das nicht. Dafür war sie zu schwach, war Cyprus viel zu hörig. Ganz langsam sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass es genau darum von Anfang an gegangen war. Cyprus hatte die ganze Zeit nur dieses Ziel verfolgt, und jetzt hatte er gewonnen.

Sie sank zu Boden, vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und weinte hemmungslos. Dass sie in weniger als einer Stunde vor dem Traualtar stehen sollte und gerade ihr festliches Make-up gänzlich ihren Tränen zum Opfer fiel, spielte keine Rolle mehr.

»Hör auf zu flennen«, meinte Cyprus kühl. »Ich habe dich zu nichts gezwungen. Nie. Du hast all das freiwillig mitgemacht. Also tu nicht so, als wärst du das arme bedauernswerte Opfer. Wie durchtrieben muss man sein, wenn man sich sogar im Brautkleid noch von seinem zukünftigen Schwager vögeln lässt? Da kann auch das unschuldige Weiß nicht mehr über die wahre Natur hinwegtäuschen.«

Isobel konnte auf diese Vorwürfe nicht mehr antworten. Cyprus sagte die Wahrheit. Auch wenn er es darauf angelegt hatte, so war doch sie diejenige, die es zugelassen hatte. Und sie machte sich selbst etwas vor, wenn sie dachte, dass es mit einem Ehering am Finger anders werden würde. Oder, weil sie jetzt begriff, welches hinterhältige Spiel Cyprus mit ihr gespielt hatte. Sie würde ihm dennoch weiter hörig sein, obwohl sie es selbst nicht verstand.

Er warf ihr einen letzten abfälligen Blick zu, schnaubte verächtlich und wandte sich zum Gehen. »Also dann. Bis später, meine Süße. Immerhin, wenn du das wirklich durchziehst, bleibt unser kleines Arrangement ab morgen in der Familie.«

Er warf ihr noch eine Kusshand zu, dann schloss sich die Tür – diesmal klang es wie ein Fallbeil. Isobel blieb allein zurück. Allein mit den Erinnerungen an all die Sünden, die sie begangen hatte, und die sie nun wie Geister heimsuchten. Sie hatte Jared wahrhaftig nicht verdient.

Wenn sie an ihn dachte, erfüllte sich Isobels Herz mit Wärme. Er war das Wundervollste, das ihr je im Leben begegnet war. Ein Geschenk. Ihr Rettungsboot aus der Einsamkeit, in der sie viele Jahre lang gelebt hatte. Die Zeit mit ihm war wie ein Märchen gewesen, doch ihr Märchen schien kein Happy End zu haben.

Ich sollte es ihm sagen. Alles! Das bin ich Jared schuldig.

Aber sie wusste selbst, dass sie niemals den Mut dazu aufbringen würde. Die Verachtung in seinen Augen wäre unerträglich. Allein der Gedanke, er könnte hinter ihre dunkelsten Geheimnisse kommen, brachte sie um. Nein, sie konnte nicht da runter gehen und mit ihm vor den Altar treten. Und noch weniger konnte sie ihm sagen, warum sie diese Hochzeit nicht durchziehen würde. Jeden Tag ihres Lebens mit einer Lüge leben müssen, funktionierte einfach nicht, und wenn sie ihm die Wahrheit sagte, würde Jared mit einem Schlag gleich zwei Menschen verlieren, die ihm wichtig waren. Sie wusste, wie nahe er und Cyprus sich standen. Dann war es vielleicht wirklich besser, wenn nur sie es war, die ging. Es würde ihm so oder so das Herz brechen, doch jemand wie er hatte sicher keine Mühe, eine andere Frau zu finden, die er lieben konnte. Eine, die ihn wirklich verdiente und stark genug war, ihm auch treu zu bleiben.

Isobel traf eine Entscheidung, die – so schmerzlich sie auch war – in ihren Augen die einzig Richtige war.

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