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Das Schloss Desmodia machte einen eher baufälligen Eindruck und hatte seine Glanzzeit längst hinter sich. Matthew Donahue hoffte, dass zumindest das Dach dicht wäre und nicht der Regen, der seit dem Morgen in Strömen vom Himmel floss, hindurchtropfte.

Die Kutsche, die ihn hergebracht hatte, fuhr rumpelnd wieder an und wäre ihm beinah über die Füße gefahren, wenn er nicht einen Satz zur Seite gemacht hätte. Matschflecken spritzten auf seine blaue Hose. Unmöglicher Kerl, dieser Kutscher. Bis vors Tor und nicht weiter, hatte er gesagt. Keinen Fuß würde er auf das Anwesen setzen. Er nicht und auch keins seiner Pferde. Abergläubischer Tölpel. Das Knallen der Peitsche zerriss zeitgleich mit einem Blitz die Stille der Nacht. Das folgende Donnergrollen schien nicht aus den Wolken, sondern aus den vor ihm aufragenden Mauern zu kommen.
Matthew bekam eine Gänsehaut. Aber er war schließlich ein gebildeter Mann und ließ sich nicht von dieser schauerlichen Stimmung, die das Schloss der Gräfin von Desmodia umgab, erschrecken. Entschlossen nahm er seinen kleinen Koffer und stapfte Richtung Eingangstor. Der Regen hatte den Weg in einen regelrechten Sumpf verwandelt. In seinen schwarzen Schuhen stand das Wasser, sie waren für dieses Wetter ebenso ungeeignet, wie der leichte Reisemantel. Eine große, altertümliche Glocke hing neben den Türflügeln. Der Glockenstrang erinnerte unangenehm an einen Henkersstrick.


Ein Butler erschien auf sein Klingeln. Ein gebeugter, grauhaariger Mann mit trüben Augen.
»Sie wünschen?«, krächzte er mit müder Stimme.
»Matthew Donahue, Städtische Bibliothek London. Wir wurden eingeladen, um Einsicht in die Familienchronik zu nehmen. Man bat speziell um meine Anwesenheit.«
Die Gräfin Desmodia hatte darum gebeten, dass ihre Familienchronik von einem Experten eingesehen wurde, da sie eine professionelle Meinung zu gewissen Unregelmäßigkeiten benötigte. Im Gegenzug hatte sie in Aussicht gestellt, selbige Chronik zu Ausstellungszwecken zur Verfügung zu stellen. Die Desmodia hatten einen beeindruckenden Stammbaum, der bis weit in die Zeit vor Christi zurückreichte. Eine solche Option war daher eine große Ehre für die Bibliothek. Man hatte explizit in dem Schreiben darauf bestanden, dass Mr. Matthew Donahue mit diesem Vorgang betraut wurde. Warum, das war weder ihm, noch dem Bibliotheksleiter bislang klar.
»Folgen Sie mir«, bat der Butler und ging mit zittrigen Schritten voraus. Wie unhöflich, den Gast sein Gepäck selbst tragen zu lassen. Aber zugegeben, der Kerl hatte auch schon bessere Tage gesehen, dachte Matthew bei sich. So ein Mann gehörte eigentlich in den Ruhestand.
»Ich diene der ehrenwerten Familie schon viele, viele Jahre. Lady Vivianne war noch nicht geboren, als ich meine Stellung hier antrat«, erklärte der Mann, gerade so, als habe er Matthews Gedanken gelesen.
»Verstehe. Dann können Sie sicher auch viel über die Familie Desmodia berichten.«
Der Alte lachte gackernd. »Das überlasse ich der Gräfin.«
Sie kamen an einem Spiegel vorbei und Matthew sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Er sah aus wie ein Bettler in der durchnässten Kleidung. Das braune Haar klebte ihm am Kopf und die Brille war verrutscht. Doch ihm blieb zunächst nichts anderes übrig, als dem Butler weiter durch das kalte, abweisende Gemäuer zu folgen.
Er wurde in einen kleinen Empfangsraum geführt, in dem zumindest ein wärmendes Feuer im Kamin brannte. Endlich nahm der Bedienstete ihm den nassen Mantel und den Koffer ab.
»Ich hänge das hier ans Feuer in der Küche, damit es trocknen kann. Und den Koffer bringe ich schon mal auf Ihr Zimmer. Auf Wunsch von Lady Vivianne haben wir das einstige Zimmer ihres Vaters – Graf Ruthven von Desmodia – für Sie hergerichtet. Das Dinner wird in Kürze serviert. Die Gräfin wird Sie dann zu Tisch geleiten.«
Verwundert blickte Matthew dem Mann hinterher. Er hatte damit gerechnet, direkt zur Gräfin geführt zu werden. Doch lange musste er nicht warten. Nur wenige Augenblicke, nachdem der Butler ihn verlassen hatte, öffnete sich die Tür erneut, und eine Frau in schwarzgoldenem Kleid betrat den Raum. Matthew verschlug es den Atem. Ebenso wegen des Kleides – einen solchen Hauch von schwarzem Nichts hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen – als auch wegen der Frau, die es trug. Ihr schlanker Körper steckte sozusagen in einer zweiten Haut, die festen Brüste waren nur spärlich bedeckt. Ihre Erscheinung hatte eine Wirkung auf ihn, wie sie sie vermutlich auch auf jeden anderen Mann gehabt hätte. Matthew verspürte ein Pochen in seinen Lenden – in seinem Unterleib regte sich etwas. Es war ihm peinlich und er wünschte sich spontan seinen Mantel zurück.
Doch Lady Vivianne schien nichts von seiner misslichen Lage zu bemerken, oder sie ignorierte es schlicht. Vielleicht wusste sie auch um ihre Wirkung, beabsichtigte diese sogar, denn warum sonst sollte sie sich in solch einem Gewand einem fremden Mann präsentieren?
Ebenso ungewöhnlich wie das Kleid war auch alles andere an der Gräfin. Ihre extrem dunklen Augen hatte sie mit schwarzer Schminke betont, die in spitzem Muster weit über und unter die Augen hinaus reichte. Die Farbe schimmerte, als wäre sie mit frischen Tränen durchsetzt, und tatsächlich hatte ihr Blick damit etwas ebenso Trauriges wie Überhebliches.
Ein kleines Muttermal über ihren schwarz bemalten Lippen zog den Blick des Betrachters zusätzlich auf sich.
Um den Hals trug sie einen Reif, der in zwei Schlangenköpfen endete. An ihren Armen fanden sich die passenden Spangen wieder. Das lange schwarze Haar fiel ihr in einer seidigen Kaskade über den Rücken, nur von einem goldenen Stirnband gebändigt.
»Wenn Sie mich genug angestarrt haben, Mr. Donahue . . . « Sie beendete den Satz nicht, sondern reichte ihm nur ihre schmale Hand, damit er sie küssen konnte.
Ertappt zuckte Matthew zusammen, ergriff die kühlen Finger und deutete einen Kuss auf den Handrücken an.
»Aber Sie haben wunderschöne blaue Augen, aus denen Sie mich anstarren«, setzte sie nach.
Mit einem Lächeln nahm Lady Vivianne auf einem der beiden Sessel Platz und wies mit eleganter Geste auf den zweiten. »Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Es liegt mir sehr am Herzen, die Geschichte meiner Familie in gute Hände zu geben. Und etwas Licht in das Dunkel eines speziellen Familienzweiges zu bringen, mit dem auch ich sehr eng verbunden bin.«
Er räusperte sich. »Die Bibliothek von London ist sich der Wertschätzung bewusst, die Ihrem Angebot innewohnt, werte Gräfin.«
»Bitte, nennen Sie mich Vivianne.«
Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und beobachtete ihn aus halbgeschlossenen Augen. Dabei umspielte ein Lächeln ihre schwarz geschminkten Lippen und Matthew sah dazwischen etwas merkwürdig aufblitzen. Vielleicht war es nur der Kontrast zwischen dem Weiß ihrer Zähne und dem Schwarz der Lippen. Verwirrt schüttelte er den Kopf.
»Glauben Sie an Vampire, Mr. Donahue?«, fragte die Gräfin völlig unvermittelt. Draußen zuckte neuerlich ein greller Blitz über den wolkenverhangenen Nachthimmel, gefolgt von krachendem Donner. Das Gemäuer schien zu erzittern, als würde es jeden Moment über ihnen zusammenbrechen.
»Wie meinen?«
»Glauben Sie an die Legende des Grafen Dracula? Ich habe alle Abhandlungen dieser Erzählung in meiner privaten Bibliothek, wissen Sie.«
Er hatte natürlich einiges über den Grafen gelesen, doch glaubte er im Grunde kein Wort dieses Ammenmärchens. Die historischen Hintergründe erschienen ihm viel interessanter.
»Ich muss gestehen, so bewandert bin ich in der leichten Lektüre nicht. Ich habe die eine oder andere Geschichte gelesen, ja. Doch mich interessieren mehr die historischen Fakten des Hauses Têpec.«
»Ach, wirklich?«, seufzte Lady Vivianne und ihr Blick wurde verträumt. »Wie schön. Wissen Sie sehr viel über die historischen Tatsachen, die den Grafen umgeben? Meine Familie ist nämlich eng mit der seinen verbunden.«
Noch bevor Matthew genauer nachfragen konnte, schlug eine Glocke dreimal.
»Das Dinner ist serviert. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«
Sie erhob sich grazil und ging durch eine zweite Tür voran in den Nebenraum. Hier stand eine große Eichentafel, um die dreizehn Stühle gruppiert waren. Der Tisch war so üppig gedeckt, als erwarte man noch weiteren Besuch.
»Wann kommen die übrigen Gäste?«, erkundigte sich Matthew vorsichtig.
»Es gibt außer Ihnen keinen Gast. Doch wir möchten, dass Sie sich wohlfühlen und es Ihnen an nichts fehlt, solange Sie hier sind. Ich hoffe, die Speisenauswahl trifft Ihren Geschmack.«
Der Butler war wieder zur Stelle und rückte seiner Herrin den Stuhl am Kopfende zurecht. Matthew nahm den ihm zugewiesenen Platz zu ihrer Rechten ein.
Im Hintergrund erklangen merkwürdige Laute, doch als er sich umschaute, konnte er deren Ursache nicht ausmachen.

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