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altDer Wald spendete ihr stets Trost, ganz gleich welch Kummer Mornas Herz betrübte, wie dunkel auch die Schatten auf ihrer Seele lasteten. Hier in den kühlen Tiefen des Forstes fand sie Ruhe und neue Zuversicht. Sie flüchtete vor dem grauen Alltag ihres Lebens als Magd am Hof des Königs, vor der häufigen Schelte und den Schlägen der Köchin. Sie galt nichts unter dem Gesinde, verrichtete all die Arbeiten, die keiner sonst erledigen wollte.
Keinen interessierte, was sie fühlte, oder gar, wovon sie träumte. Im Gegenteil, man verspottete sie, wenn sie Tränen zeigte. Und wenn sie bei der Arbeit ihren Träumen nachhing, verpasste man ihr eine Ohrfeige und schalt sie ein faules Ding.
Seufzend ließ sich Morna an ihrem Lieblingsplatz nieder und streckte die verspannten Muskeln. Der Duft von Moos, feuchter Erde, Laub und harzigen Nadeln umfing sie wie die tröstenden Arme einer Mutter. Die Stille und Friedlichkeit linderten ihren Schmerz.
Ein Gefühl der Geborgenheit überkam sie jedes Mal, wenn sie zu ihren stummen Freunden flüchtete, um ihnen ihr Leid zu klagen. Sie hörten zu, waren da, fingen sie auf.

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altRobert Duncan war besessen von dem Gedanken, eine Ceasg zu fangen. Eine jener legendären Frauen mit dem Schwanz eines Lachses, die in den Tiefen der schottischen Seen lebten und dann und wann von einem Fischer oder einem Wanderer gesehen wurden. Mit Haaren wie Tang und einer Haut so weich wie das Wasser der Highlands. Von denen es hieß, dass sie drei Wünsche erfüllten, wenn man sie fing. Aber vor denen man auch auf der Hut sein sollte, damit man nicht ihrer List erlag und sie einen in die Tiefe holten.

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Welches Los wog schwerer? Zu sehen oder nicht zu sehen? Eveny kannte keine Antwort darauf, denn sie wusste nicht um den Unterschied zwischen beidem, hatte keine Vorstellung davon, was sich zu ihren Füßen Nacht für Nacht abspielte, während sie ihren Dienst verrichtete. Sich in diesem Tempel der Zerstreuung präsentierte. Einem Pfuhl der Sünde, der Wolllust, Trunksucht und des Verbrechens. Hier ertränkten die Männer ihre Sorgen in Branntwein und Bier, stillten Gelüste, die ihnen von ihren Frauen verwehrt wurden, betrieben so manchen verbotenen Handel oder gaben gar einen Mord in Auftrag. All das erfüllte Tag für Tag ihre Welt und machte sie zur Mitwisserin gegen ihren Willen.
War es leichter, sich den geifernden Blicken preiszugeben, wenn man die Geilheit und Bosheit in den Gesichtern nicht sah? Oder war es schwerer, weil alle übrigen Sinne um so vieles schärfer waren und ihr die schändlichen Dinge zutrugen, die sie sonst vielleicht nicht erfahren hätte?

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altDas Gesicht blieb regungslos. Wie jedes Mal. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, während die starre Maske aus Gold immer näher kam, in deren Mitte zwei Augen so hell glühten wie zwei Sonnen. Das laute Ticken im Gleichtakt mit ihrem Puls lenkte ihren Blick auf die nostalgische Uhr ohne Zeiger im Hintergrund. Symbol einer abgelaufenen Zeit. Ihrer?
Am Himmel über ihr explodierte eine Milchstraße – eine Galaxie! Ein strahlender Ort der Hoffnung für ein neues Leben verhieß. Wenn sie dort hingelangen konnte. Wimmernd streckte sie die Hand danach aus, doch die Maske stellte sich zwischen sie und die verheißungsvolle Welt in den Weiten des Alls. Eigentlich war sie schön, diese starre Mimik. Fast noch schöner, als der grandiose Anblick einer Sternengeburt. Sie erinnerte an venezianische Masken, wenn nur diese brennenden, stechenden Augen nicht wären. Und das kalte Gefühl, wenn eine dunkle Stimme sprach: „Noch nicht, aber bald!“ Das Schloss schnappte zu, es klang wie ein Schafott, das herabsaust. Verriegelte den Zugang, zu ihrem Traum, ihrer Rettung. Es hing an einer Kette, um den Hals des Maskenträgers. Um den Schlüssel zu erhalten musste sie ... 

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Ronja schaute traurig auf die weite Ebene hinab, die wie mit Puder überstäubt wirkte. Keine Spur malte sich im frisch gefallenen Schnee ab. Dabei war heute Weihnacht. Normalerweise hätte man längst Papa Santas Schlitten sehen müssen, denn von der dicken Eisdecke des Nordenmeeres bis hierher ins Kristallgebirge brauchte er beinah einen halben Tag.
Ein Blick über die Schulter zeigte Ronja viele traurige Gesichter. Die Kinder freuten sich so sehr auf diesen einen Tag im Jahr, wenn Papa Santa mit seinen Rentieren kam, Süßigkeiten mitbrachte und am lodernden Lagerfeuer Geschichten aus seiner Werkstatt und von seinen Wichteln erzählte.
„Mhm!“, machte es neben ihr.
„Ich weiß, Snowball.“ Ronja streichelte ihrem Reittier den mächtigen Kopf. Der weiße Bär ließ sich auf die Hinterbeine nieder und wies mit seiner schwarzen Nase ins Tal hinab. „Es sieht Papa Santa gar nicht ähnlich, seine Elfenamazonen zu vergessen.“
„Denkst du, ihm ist etwas passiert?“, wollte Mia wissen und trat an ihre Seite. Mia war ihre kleine Schwester und wartete wie alle anderen Kinder auf die Geschenke und Papa Santas Geschichten.

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