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Ronja schaute traurig auf die weite Ebene hinab, die wie mit Puder überstäubt wirkte. Keine Spur malte sich im frisch gefallenen Schnee ab. Dabei war heute Weihnacht. Normalerweise hätte man längst Papa Santas Schlitten sehen müssen, denn von der dicken Eisdecke des Nordenmeeres bis hierher ins Kristallgebirge brauchte er beinah einen halben Tag.
Ein Blick über die Schulter zeigte Ronja viele traurige Gesichter. Die Kinder freuten sich so sehr auf diesen einen Tag im Jahr, wenn Papa Santa mit seinen Rentieren kam, Süßigkeiten mitbrachte und am lodernden Lagerfeuer Geschichten aus seiner Werkstatt und von seinen Wichteln erzählte.
„Mhm!“, machte es neben ihr.
„Ich weiß, Snowball.“ Ronja streichelte ihrem Reittier den mächtigen Kopf. Der weiße Bär ließ sich auf die Hinterbeine nieder und wies mit seiner schwarzen Nase ins Tal hinab. „Es sieht Papa Santa gar nicht ähnlich, seine Elfenamazonen zu vergessen.“
„Denkst du, ihm ist etwas passiert?“, wollte Mia wissen und trat an ihre Seite. Mia war ihre kleine Schwester und wartete wie alle anderen Kinder auf die Geschenke und Papa Santas Geschichten.

„Schon möglich“, gab Ronja zu. „Es hat sehr viel geschneit. Viel mehr als in allen anderen Jahren, die ich hier im Kristallgebirge erlebt habe. Vielleicht hat sich sein Schlitten in einer Schneewehe festgefahren.“
„Seine Rentiere sind auch nicht mehr die Jüngsten. Wenn sie feststecken, reicht ihre Zugkraft sicher nicht mehr aus, um wieder freizukommen.“
Auch wenn sie es nicht gern zugab, Ronja teilte Mias Sorge. Papa Santa war schon im letzten Jahr sehr erschöpft gewesen, nachdem er die vielen Menschen auf der Erde beschenkt hatte. Die Rentiere waren schnell, doch wenn er ihnen keine Richtung vorgab, verloren sie die Orientierung. Wenn er nun im Schlitten eingeschlafen war?
„Snowball, wir müssen ihn suchen“, entschied Ronja.
Der Bär brummte zustimmend.
Entschlossen griff Ronja nach ihrem Speer, schlang den Mantel aus Schneeleopardenfell um sich und stieg in den Snowballs Sattel.
Als sie durch das Lager auf den Weg ins Tal hinunter zuritt, liefen die Kinder hinter ihr her und fragten wild durcheinander, wo sie hin wolle und ob Papa Santa in Ordnung sei. Vor allem Mia bestand darauf, mitkommen zu dürfen.
„Nein, Mia. Das ist zu gefährlich“, entschied Ronja. Beim Blick in Mias trauriges Gesicht, hatte sie einen Kloß im Hals. „Ich finde ihn. Versprochen!“
Der Pfad zum Nordenmeer hinab war steil und an vielen Stellen von großen Felsen versperrt. Aber der Eisbär überwand die Hindernisse ohne Mühe.
Schwieriger wurde es am Ufer des Nordenmeeres. Ronja stieg ab und ging einige Schritte auf die Eisdecke hinaus. Prüfend klopfte sie mit ihrem Speer den Boden ab. Normalerweise trug das Eis zu dieser Jahreszeit problemlos, aber einige Strudel im Wasser fraßen es von unten dünn, was schon manchem unvorsichtigen Eiswanderer zum Verhängnis geworden war.
„Ich glaube, wir können gefahrlos hinüber, Snowball. Aber wir müssen langsam gehen und die Ohren spitzen.“
Der Bär wippte mit dem Kopf und setzte seine Pranke auf das Eis. Es knarrte leise, und er schaute brummelnd zu Ronja, die den Atem anhielt. Doch es hielt, also setzten sie ihren Weg fort.
Je weiter sie aufs Meer hinaus kamen, umso dichter fiel der Schnee. Nach der Hälfte der Strecke setzte eisiger Wind ein. Er biss Ronja ins Gesicht und trieb ihr Eissplitter in die Augen, bis sie kaum noch etwas sehen konnte. Ihr weißes Haar war zu Kristall erstarrt und ihre Haut begann sich blau zu färben. Snowball machte dieses Wetter wenig aus. Sein dichtes Fell schützte ihn und durch das Visier seines Panzers waren auch die empfindlichen Augen geschützt. Schließlich stieg Ronja wieder auf seinen Rücken, vergrub ihr Gesicht an seinem warmen Hals und überließ es ihm, einen Weg aus dem Schneesturm zu finden.
Sie war Kälte zwar gewohnt, aber im Kristallgebirge gab es keine Stürme wie auf dem offenen Nordenmeer. Sie schlotterte am ganzen Leib und spürte ihre Finger kaum noch. Hoffentlich verlor sie nicht das Bewusstsein. Wenn Papa Santa auch in diesen Blizzard geraten war, wunderte es sie nicht, wenn er die Orientierung verloren hatte. Sie mussten ihn finden. Ronja wurde das Gefühl nicht los, dass er in Gefahr schwebte.
Schließlich erreichten sie das andere Ende des Nordenmeeres, wo Snowball eine steile Uferböschung hinauf sprang. Dank seiner langen Krallen fand er genug Halt. Ein Wäldchen grenzte hier ans Meer und kaum hatten sie die ersten kahlen Bäume passiert, ließ der Sturm deutlich nach und Ronja blinzelte unter einer dichten Schneedecke hervor. Sie war so über und über mit Schnee überhäuft, dass sie auf Snowballs Rücken kaum auffiel.
„Ich glaube, wir sollten hier Rast machen, Snowball. Es wird bald dunkel und mir ist kalt.“
In der Nacht würde sie Papa Santa sowieso nicht finden. Sie blickte noch einmal nachdenklich aufs Nordenmeer zurück, doch die Eisdecke war zu dick. Unwahrscheinlich, dass er dort eingebrochen war.
Der Bär rollte sich gehorsam zusammen. Im Schutz seines mächtigen Körpers entzündete Ronja ein Feuer. Das war gar nicht so leicht, da das Holz feucht und klamm war. Erst nach mehreren Versuchen setzte ihr Zündstein die Äste in Brand.
Bald darauf flackerten kleine Flammen, die rasch höher loderten, als Ronja größere Äste nachlegte. Es rauchte schrecklich und sie musste husten, doch immerhin war es warm.
Eng an Snowballs Körper gekuschelt und mit ihrem Leopardenfell zugedeckt schlief sie ein.

Am nächsten Morgen hatte der Sturm noch immer nicht nachgelassen und kaum dass sie aus dem Wald heraustraten mussten sie schon wieder gegen Eis und Schnee ankämpfen, die ihnen in die Augen geweht wurden.
Snowball ließ sich davon nicht irritieren, sondern trottete zielstrebig am Waldrand entlang, in Richtung der großen Schlucht. Ronja beschloss, auf den Instinkt ihres Bären zu vertrauen und stapfte tapfer neben ihm her durch den Schnee. Dabei hielt sich sicherheitshalber an seinem Sattel fest, damit nicht eine der heftigeren Böen sie fortwehte.
Je näher sie der großen Schlucht kamen, desto schneller marschierte Snowball voran. Ronja konnte kaum noch mithalten, denn im Gegensatz zu dem Bären, der mit seinen großen Tatzen das Gewicht perfekt auf der Schneedecke verteilen konnte, sank sie immer wieder in den Tiefschnee ein.
Schließlich erreichten sie die große Schlucht. Der Sturm verlor sich in den Ausläufern der Felsformation, heulte aber gespenstig in der Tiefe. Die Flocken fielen so dicht, dass man zusehen konnte, wie die Schneedecke von Minute zu Minute wuchs.
Snowball wurde nervös. Er schnaubte, schaukelte auf den Vorderbeinen hin und her und hielt die Nase in den Wind. Seine Unruhe übertrug sich auch auf Ronja, doch sie konnte deren Ursache nicht erkennen.
Mit einem Mal stieß der Eisbär einen markerschütternden Schrei aus und stob davon. Ronja fiel der Länge nach in den Schnee, kämpfte sich mühsam wieder hoch, um den riesigen Schemen hinter einem Vorhang aus fallendem Schnee verschwinden zu sehen.
„Snowball! Warte!“, schrie sie und stolperte ihm hinterher. Zum Glück waren seine Spuren gut zu verfolgen, aber Ronja kam nur langsam voran. Sie bezweifelte, dass sie ihn einholen konnte, hoffentlich blieb er irgendwann wieder stehen. Ohne ihn würde es Tage dauern, wieder ins Dorf zurück zu kommen. Wenn sie nicht in diesem Sturm verunglückte.
Diese Sorge trieb sie vorwärts und schließlich konnte sie mit zusammengekniffenen Augen einen Schatten ausmachen, der ungehalten auf und ab lief. Im Näherkommen erkannte sie noch weitere, kleinere Gestalten, die sie erst nicht einordnen konnte. Doch dann machte ihr Herz einen Sprung. Das waren die Rentiere von Papa Santa. Sie hatten ihn gefunden.
Mit einem Jubelschrei stürmte sie die letzten Meter voran, doch was sie vorfand, zerstörte augenblicklich ihre Freude.
Es waren tatsächlich Papa Santas Rentiere, nur von seinem Schlitten war nichts zu sehen. Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen hingen völlig erschöpft in ihren Geschirren, gruben die Hufe in den Boden und hielten die Leinen straff. Doch man sah ihnen an, dass sie kaum noch Kraft hatten. Langsam näherte sich Ronja den Tieren, die mit vor Angst geweiteten Augen auf Snowball starrten. Donner und Blitzen wichen sogar einige Schritte zurück, was von einem lauten Knirschen und einem qualvollen Stöhnen begleitet wurde. Die Elfenamazone schluckte. Ihre Knie zitterten wie Espen im Wind, als sie über den Abgrund schaute und ihre Befürchtungen bestätigt fand. Über der gähnenden Tiefe der Schlucht baumelte der Schlitten. Papa Santa lag darauf und konnte sich nicht befreien, weil die Säcke mit den Geschenken herausgefallen waren, einer links und einer rechts, und das Seil, das die beiden Säcke zusammenhielt, ihm jetzt auf den Brustkorb drückte und seine Arme an den Schlitten fesselte. Er bekam nur schlecht Luft und war vor Kälte und Atemnot schon blau im Gesicht. Außerdem hatte er das Bewusstsein verloren.
Ich muss ihm helfen und zwar schnell, dachte Ronja. Sie drehte sich nach Snowball um. Er war stark genug, um den Schlitten wieder nach oben zu ziehen, sobald er nahe genug an den Leinen war, um diese an seinem Sattel zu befestigen. Doch die Rentiere fürchteten das mächtige Raubtier. Sie würden versuchen zu fliehen, wie zwei von ihnen ja schon gezeigt hatten, und hatte erst eines den Halt unter den Hufen verloren, würden die übrigen den Schlitten nicht mehr halten können. Dann stürzte Papa Santa mitsamt seinem Gefährt und den Zugtieren in den Tod.
Dessen war sich auch der Bär bewusst und kam nicht näher. Ronja überlegte fieberhaft. Sie konnte keines der Rentiere ausschirren, um aus den freigewordenen Riemen ein Seil zu machen, das bis zu Snowball reichte. Und an den Zugleinen bis zum Schlitten hinunterklettern kam auch nicht infrage, weil die Tiere ihr zusätzliches Gewicht nicht halten könnten. Sie musste die Last verringern, aber wie? Wenn die Säcke mit den Geschenken nicht wären. Dann bekäme Papa Santa wieder Luft und vielleicht schafften es die Rentiere dann, den Schlitten wieder nach oben zu ziehen.
Ihr Vorhaben war gewagt, doch eine andere Wahl gab es nicht. Entschlossen ging Ronja zu Snowball und zog ihren Speer aus dem Sattel. Der Bär gab ein sorgenvolles Brummen von sich. Sie zögerte, nickte dann aber entschieden und streichelte ihrem Reittier über den Kopf.
„Es muss sein, Snowball. Anders geht es nicht. Drück die Tatzen, dass ich nicht daneben werfe. Wir haben nur einen Versuch.“
Ronja galt als eine der besten Jägerinnen. Ob mit Pfeil und Bogen oder der Speer, sie verfehlte nie ihr Ziel. Doch bei einem Sturm wie diesem und mit durch Schneefall beeinträchtigter Sicht auf einen schaukelnden Schlitten zu werfen und ein dünnes Seil zu treffen, das sich um einen großen Mann wand, den man nicht verletzen wollte, war auch für sie eine Herausforderung.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, hielt den Atem an und fixierte das Tau genau an der Stelle, wo es über den Holzrahmen des Schlittens lief. Der Schlitten pendelte gemächlich unter ihr, sie musste exakt den richtigen Moment abpassen. Nicht zu voreilig, aber auch nicht zu lange zögern. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, ihre Finger fühlten sich taub an. Die Zeit schien still zu stehen, beinah glaubt Ronja, dass sogar die Schneeflocken für einen Moment verharrten und der Wind schwieg. Jetzt oder nie. Sie warf die Lanze und schloss gleichzeitig die Augen. Mit einem dumpfen Geräusch traf die Waffe auf Widerstand, das Stöhnen, welches zu ihr heraufschallte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Hatte sie etwa Papa Santa getroffen? War er jetzt tot?
Ronja musste sich zwingen, wie Augen wieder zu öffnen. Aber zu ihrer Erleichterung, war Papa Santa unverletzt. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Ihr Speer stak noch im Schlitten, doch das Tau war zerrissen und die beiden Säcke in die Schlucht gefallen. Papa Santa streckte langsam die Hand aus und schaffte es, den Speer zur Seite zu biegen, bis sich die Spitze aus dem Schlitten löste und er den Säcken folgte. Dann sackte er wieder im Schlitten zusammen.
Ronja blieb keine Zeit, sich darüber zu freuen, sie lief zu Snowball und führte ihn ein Stück beiseite, um freie Bahn für die Rentiere zu schaffen.
„Los! Ihr müsst ziehen!“, rief sie ihnen zu. Und tatsächlich, Dasher mobilisierte als erster seine Kräfte und stemmte die Hufe in den Schnee. Dancer und Prancer folgten seinem Beispiel und schließlich schlossen sich auch Cupid und Comet, dann Vixen und zum Schluss auch Donner und Blitzen an. Langsam und stetig, Millimeter für Millimeter zogen die treuen Rentiere, die den Schlitten die ganze Nacht hindurch vor dem Absturz bewahrt hatten und dabei selbst ans Ende ihrer Kräfte gelangt waren, mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung das Gefährt mit ihrem Herren wieder in Sicherheit. Doch kaum glitten die Kufen über den Rand der Schlucht und wieder auf festen Boden, brachen die Tiere eines nach dem anderen zusammen. Bis zum Kristallgebirge würden sie es auf keinen Fall mehr schaffen. Nicht einmal Snowflakes Gegenwart konnte sie zu einer Reaktion verleiten. Sie blieben einfach liegen und ließen sich einschneien.
Noch hatten sie es also nicht geschafft. Ronja musste einen Weg finden, Papa Santa und seine Rentiere von hier wegzubringen, damit sie sich aufwärmen und vor allem wieder zu Kräften kommen konnten. Allzu viele Möglichkeiten blieben ihr nicht.

„Seht mal!“, rief Mia und rannte jauchzend los. Die anderen Kinder folgten ihr augenblicklich, nachdem auch sie die Neuankömmlinge entdeckten, während die erwachsenen Amazonenelfen ungläubig der ungewöhnlichen Prozession entgegen sahen. So einen Anblick würden man vermutlich im ganzen Leben nicht mehr bekommen.
Vor Papa Santas Schlitten schritt Snowball daher und zog das Gefährt mühelos durch den hohen Schnee. Von seinem Rücken winkte Ronja ihren Freunden zu. Aber das Ungewöhnlichste kam erst noch. Hinter dem Schlitten hing ein Gebilde aus langen Ästen, die mit den übrig gebliebenen Riemen der Geschirre zusammengebunden waren, und darauf lagen acht erschöpfte, aber aufmerksame Rentiere.
Sofort eilten von überall her Amazonenelfen heran, die Futter, Wasser und Decken für die Rentiere brachten. Zwei Kriegerinnen halfen Papa Santa ins Zelt der Heilerin, damit sie sich um ihn kümmern konnte. Während er behandelt wurde, bereitete man das Weihnachtsessen vor, als sei alles wie immer. Und nachdem Papa Santa mit Salben versorgt, in Felle gehüllt und eine dampfende Tasse Tee in Händen haltend am großen Feuer Platz genommen hatte, erzählte er die spannendsten Weihnachtsgeschichte, die er je erlebt hatte. Vom großen Weihnachtsbär mit seiner tapferen Reiterin und wie die beiden den Weihnachtsmann und seine Rentiere gerettet hatten. Kein Kind vermisste die üblichen Geschenke, denn das schönste Geschenk war schließlich, dass sie alle beisammen sitzen und Weihnachten feiern konnten.

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