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Welches Los wog schwerer? Zu sehen oder nicht zu sehen? Eveny kannte keine Antwort darauf, denn sie wusste nicht um den Unterschied zwischen beidem, hatte keine Vorstellung davon, was sich zu ihren Füßen Nacht für Nacht abspielte, während sie ihren Dienst verrichtete. Sich in diesem Tempel der Zerstreuung präsentierte. Einem Pfuhl der Sünde, der Wolllust, Trunksucht und des Verbrechens. Hier ertränkten die Männer ihre Sorgen in Branntwein und Bier, stillten Gelüste, die ihnen von ihren Frauen verwehrt wurden, betrieben so manchen verbotenen Handel oder gaben gar einen Mord in Auftrag. All das erfüllte Tag für Tag ihre Welt und machte sie zur Mitwisserin gegen ihren Willen.
War es leichter, sich den geifernden Blicken preiszugeben, wenn man die Geilheit und Bosheit in den Gesichtern nicht sah? Oder war es schwerer, weil alle übrigen Sinne um so vieles schärfer waren und ihr die schändlichen Dinge zutrugen, die sie sonst vielleicht nicht erfahren hätte?

Sie konnte das leise Murmeln der Männer hören, wenn sie zu sich selbst oder ihren Kumpanen sprachen. Über Menschen, an denen ein Verbrechen verübt werden sollte. Oder über Waren, die verboten waren, hier jedoch in jeder gewünschten Menge gehandelt wurden. Und sie hörte, was die Kerle gerne mit ihr tun würden – und manchmal auch taten. Es war nur eine Frage des Preises.
Sie roch die bittere Schärfe ihrer Wollust, den Schweiß, den die lustvollen Phantasien aus ihren Poren trieben. Und vor allem spürte Eveny, wie man sie mit den Augen auszog, sich lüsterne Blicke tief in ihr Fleisch bohrten, noch ehe sie selbst die seidenen Gewänder Stück für Stück ablegte.Ein widerliches Gefühl. Doch Eveny hatte keine Wahl. Sie gehörte sich nicht selbst.
Solange sie denken konnte, lebte sie hier. Gehörte Suram, dem Inhaber des „Orient“. Ob man sie ausgesetzt oder verkauft hatte, wusste sie nicht. Suram sprach nie darüber. Sie war sein Eigen. Er behandelte sie gut und sorgte für Eveny, doch er besaß keine Skrupel, ihren Körper zu verkaufen, wenn das Gold im Beutel klingelte.
Und selbst, wenn sie nicht sein Besitz wäre, sondern nur in seinen Diensten stünde wie die Schankmädchen, hätte Eveny ihn nicht verlassen können. Wo sollte sie hin? Sie kannte die Welt dort draußen nicht, konnte auf sich allein gestellt nicht überleben. Niemand wollte eine Blinde zum Weib. Für die meisten Arbeiten taugte sie ohnehin nicht in den Augen der sehenden Bevölkerung. Also blieben ihr nur der erotische Tanz und die Hingabe an fremde Männer.
Hin und wieder kamen auch Leute zu ihr, um sich von ihr wahrsagen zu lassen, denn ihre Hellsichtigkeit hatte sich ebenso schnell herumgesprochen wie die Schönheit ihres Körpers und ihre Fähigkeit, ihn beim Tanz wie eine Weidenrute im Frühling zu verbiegen. Auch beim Tanz zweier Körper, egal wie schlecht ihr „Tanz“-Partner war.
Da sie von Geburt an blind war, vermochte sie nicht zu sagen, ob das, was sie in ihren Visionen sah, auch nur annähernd der Wirklichkeit entsprach. Doch in Trance sah sie Bilder. Die einzigen Bilder ihres Lebens, farbenfroh und pulsierend, voller Lebendigkeit. Sie liebte diese Reisen.
Suram interessierte an ihrer Gabe nur, dass man damit weiteres Geld verdienen konnte. Eveny wiederum kümmerte sich nicht um die glatten Münzen, die ihr nichts sagten, nichts gaben, wenn sie das kühle Metall in der Hand hielt. Sie tat es nur wegen der Bilder, die der Fragesteller in ihr auslöste, wenn sie seine Hände ergriff und sich seinen Fragen öffnete.
Es begann mit Fäden von Energie, die sie von den Armen der Kundschaft in ihre fließen sah. Aus diesen Fäden woben sich Gestalten, Landschaften, Symbole und dergleichen, wie auf einem Webstuhl.
Wer zu ihr vorgelassen wurde, um ihre Weissagungen zu hören, entschied Suram. Genauso wie er entschied, wem sie für die Nacht gehörte. Beides hing allein von der Summe ab, die jemand bereit war zu zahlen.
So kam es, dass sie eines Abends, während sie in ihrem roten Gewand mit dem roten Schleier über ihren Augen tanzte, Suram mit einem Mann reden hörte, dessen Stimme eindringlich und nervös klang, als stünde er unter hoher Anspannung. Er wollte zu Eveny, um sich von ihr weissagen zu lassen, aber da er nur über wenig Barschaft verfügte, lehnte Suram ab.
Als Eveny später am Abend allein zu ihrer Schlafstatt, einem kleinen Schuppen im Hinterhof des „Orient“, ging, packt sie plötzlich jemand am Arm und hielt sie fest. Im ersten Moment erschrak Eveny fürchterlich und wollte um Hilfe schreien, da erkannte sie die Stimme des Mannes, den Suram fortgeschickt hatte.
„Bitte, Eveny, helft mir. Ich brauche Eure Gabe, Euren Blick in die Zukunft. Sonst bin ich verloren.“
Evenys Herz wummerte in ihrer Brust. Sie drehte den Kopf in seine Richtung, versuchte anhand seines Geruchs und seines Atems auszumachen, ob er eine Bedrohung darstellte, doch aus jeder Pore seines Körpers strömte Angst.
„Suram hat Euch fortgeschickt. Ich darf nicht mit Euch reden“, gab sie zur Antwort und bemühte sich, ruhig zu klingen.
Zumindest ließ er sie los.
„Ich weiß. Ich bitte Euch dennoch mir zu helfen. Niemand muss es erfahren, ich schwöre Euch, ich werde schweigen wie ein Grab. Aber bitte weist mich nicht ab. Es geht vielleicht um Leben oder Tod.“
Er klang nun so verzweifelt, dass sie Mitleid mit ihm empfand.
„Ich habe keine Geld“, fuhr er fort. „Aber wenn Ihr mir helft, gebe ich Euch etwas, das mehr wert ist, als Gold und Juwelen. Ich gebe Euch mein Augenlicht.“
Eveny wich zurück. „Was treibt Ihr für böse Scherze mit mir?“
Er folgte ihr und berührte ihre Schulter. Sanft dieses Mal. „Keine Scherze. Ich meine es ernst. Wenn Ihr einen Blick in meine Zukunft werft, will ich Euch ermöglichen, durch meine Augen zu sehen.“
Sie zweifelte, was sie davon halten sollte. Doch sie konnte nicht leugnen, dass die Aussicht, die Welt zu sehen wie sie wirklich war, verlockend schien. Dennoch beschlich sie ein ungutes Gefühl, auch wenn sie nicht sagen konnte, woher es rührte.
Der Mann merkte offenbar ihr Zögern und erklärte ihr eindringlich, dass er fürchtete, sein Geschäftspartner trachte ihm nach dem Leben. Sicher war er nicht, doch seit einiger Zeit ereigneten sich merkwürdige Unfälle in seinem Leben. Er müsse wissen, was dahinterstecke, ob er ihm noch vertrauen dürfe und wie er sich schützen könne. Wenn sie nun sähe, was der Mann plante, könnte er das Unglück abwenden und überleben.
„Für mein Leben ist mein Augenlicht ein würdiger Lohn, denkt Ihr nicht? Ich kenne einen Weg, es Euch zu schenken. Fragt mich nicht wie oder woher ich diese Fähigkeit besitze. Bitte vertraut mir, Eveny.“
Sie konnte nicht sagen, was den Ausschlag gab. Die plötzliche Hoffnung, die sie durchströmte, oder die Erkenntnis, diesem Mann womöglich das Leben zu retten.
Schließlich nickte Eveny. „Kommt mit. In meinem Zimmer sind wir ungestört.“
Die spärliche Einrichtung ihres Zuhauses war Eveny bewusst, hatte sie jedoch bisher nicht gekümmert, weil sich ihre Freier nicht daran störten. Dieser Fremde aber stockte an der Tür. Eveny spürte, wie er sich umsah.
„Jemand, der nicht sieht, braucht nicht viel.“ In ihrer Stimme lag mehr Bitterkeit, als sie beabsichtigte.
Sie nahm auf ihrer Schlafstatt Platz, löste den Schleier, der ihre Augen verbarg und streckte ihm auffordern die Hände entgegen. Seine fühlten sich kalt und klamm an, was Eveny ein leises Lachen entlockte. „Nun ist es wohl an Euch, mir zu vertrauen.“
Er räusperte sich. „Das tue ich, sonst wäre ich nicht zu Euch gekommen.“
Sie nickte stumm und öffnete sich für die Visionen. Ihre blinden Augen sahen zunächst nur das undurchdringliche Schwarz, das sie durchs Leben begleitete. Aber dann schoben sich erste Fäden von Energie hinein, leuchtend, strahlend. Sie glommen wie zarte Funken, die rasch an Kraft gewannen, nachdem sie sich miteinander verbanden. Changierten in vielerlei Farben und erschufen schließlich die Vision, in die Eveny mit allen Sinnen eintauchte.
„Ich rieche Pflanzen“, begann sie.
„Ja“, gab er aufgeregt zurück. „Mein Partner handelt mit Kräutern aller Art.“
Der Duft war so stark, dass ihr schwindelte. Eigenartig süß und bitter zugleich. Etwas daran schreckte sie und sie brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass es besondere Kräuter waren. Solche, die vergessen ließen.
Sie wusste viel durch das, was sie im „Orient“ hörte, und konnte sich denken, welcher Art die Geschäfte waren und warum dieser Mann sich so sehr fürchtete. Vergessen war teuer und wer damit handelte, gab zwar gern Kredit, warteten jedoch nicht ewig auf die Begleichung der Schuld.
„Was ist mit den Dingen, die mir widerfahren?“, wollte er wissen.
Sie atmete tief durch und konzentrierte sich. Ein rundes Gebilde löste sich und rollte einen steilen Berg hinab. Doch schuld daran war die gebrochene Stange eines zu schwer beladenen Wagens.
Dann roch sie vergorene Früchte, ranziges Fett. Die Speisen, die er zu sich genommen hatte, waren verdorben und machten ihn krank. Die Schuld lag bei seiner Wahl des Gasthofes, weil er kein Geld für besseres Essen hatte.
So folgte eine Vision der anderen, doch keine deutete darauf hin, ihm trachte jemand nach dem Leben. Schließlich atmete er erleichtert auf.
„Ich danke Euch, Eveny. Nun kann ich beruhigter schlafen. Euer Lohn ...“ In diesem Moment fuhr Eveny zusammen. Ihre Hände krampften sich so fest um seine, dass er aufschrie.
„Wartet!“, rief sie aus. „Da ist eine Frau!“
Eveny sah eine silberne Klinge in einer zierlichen Hand. Flammendes Haar loderte in der Nacht. Mondlicht brach sich auf der Schneide, als die Waffe hochgerissen wurde, um gleich darauf niederzustoßen. Sie fasste sich ans Herz, gab einen kehligen Laut von sich und sank auf die Knie. Die Vision erlosch, als der Körperkontakt abbrach.
„Was ist mit dieser Frau?“, drängte er aufgeregt.
Eveny hob langsam den Kopf, hatte das Gefühl, er wöge zentnerschwer.
„Sie wird Euch töten.“
Er sprang auf. „Ha! Ich wusste es! Es ist sein Weib, da besteht kein Zweifel. Sie will mich ermorden.“
Eveny bebte noch immer am ganzen Leib. Der Schmerz in ihrer Brust war so real gewesen, dass sie noch immer die Klinge in ihrem eigenen Herzen spürte. Sie zuckte zusammen, als er sie an den Schultern fasste.
„Ich schulde Euch mein Leben, Eveny. Morgen Nacht, wenn Euer Tanz vorüber ist, werdet Ihr sehen.“
 
Am Abend erfüllte Eveny eine große Unruhe. Sie hatte kaum geschlafen, konnte die Vision nicht abschütteln und fragte sich zudem, ob der Mann Wort hielt. Würde sie sehen, wenn der Schleier fiel?
Sie bewegte sich wie elektrisiert, war gefangen in ihrem Tanz und ihrer eigenen kleinen Welt aus Hoffnung und Zweifel, während sie auf die letzten Töne wartete, damit sie den Schleier lösen konnte.
Dann endlich war es soweit. Die Trommel endete mit einem letzten Schlag, Eveny öffnete den Knoten des Tuches und ließ es zu Boden gleiten.
Zum allerersten Mal in ihrem Leben öffnete sie die Augen und ... sah!
Aber der Schock dessen, was sich da zu ihren Füßen abspielte, war noch viel schlimmer als die Vision der letzten Nacht. Fast wünschte sie sich den Dolch im Herzen herbei, anstelle des Anblicks von schmutzigen Gesichtern mit faulen Zähnen und gierigen Blicken. Von nackten Frauen, die auf ihren Körpern die Zeichen brutaler Hände und sogar Zähne trugen, sich mit gequälten Blicken bemühten, dem Freier zu gefallen für ein paar Münzen, die ihr Überleben sicherten.
In vielen Augen glitzerte es boshaft, während lederne Beutel umhergeschoben und über Tod und Leben von Menschen entschieden wurde.
All das hatte Eveny gewusst. Hatte es gehört, gerochen, gespürt. Doch es zu sehen, war unermesslich grausamer. Über dem „Orient“ lag eine Wolke aus Bosheit, Frevel, Niedertracht und Habgier. Sie vergiftete die Luft, drang durch Evenys Augen in ihren Körper und peinigte ihn mit solcher Macht, dass sie um Atem rang. Sie hielt es nicht aus. Ungeachtet der Blicke, taub für Surams Rufe rannte sie hinaus auf die Straße.
Aber auch hier erwartete sie nur Elend. Sie sah Kinder mit fehlenden Gliedmaßen, die bettelnd ihre Hände nach ihr ausstreckten, einen dickbäuchigen Kerl, der in einem dunklen Hauseingang eine junge Frau schändete und ihre Schreie mit einem Messer an der Kehle erstickte. Etwas Abseits verblutete ein Mann, dem man den Bauch aufgeschlitzt hatte, bis sich seine Gedärme auf die Straße ergossen.
Tränen liefen Eveny über die Wangen. Sie rannte und rannte, doch überall bot sich ihr das gleiche Bild. Eveny wusste nur eins. Sie wollte das nicht sehen. Sie wollte wieder blind sein. Welches Los schwerer wog? Jetzt wusste sie es und sehnte sich nach Blindheit zurück. Doch sie sah mit seinen Augen. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. Sie musste diese Augen loswerden – seine Augen. Getrieben von Entschlossenheit rannte sie hinunter zu den großen Handelshäusern. Sie kannte den Duft aus ihrer Vision, brauchte ihm nur zu folgen. Dort, wo er das Vergessen kaufte, würde sie ihn finden und dafür sorgen, dass er diesen Fluch wieder von ihr nahm.
Als sie bereits nah war, stolperte sie ihm praktisch in die Arme. Sein Anblick war erschreckend. Wirr und hager, mit zerrissenen Kleidern, die vor Schmutz starrten. Aber sein Geruch war ihr vertraut, obwohl heute Nacht getränkt von einer Note, die ihr Übelkeit verursachte. Er starrte durch sie hindurch, seine Augen weiß und leer. Doch er erkannte sie ebenfalls.
„Eveny! Ihr hattet Recht. Töten wollte mich die alte Schlange. Dank Euch kam ich ihr zuvor.“
Voll Schrecken begriff Eveny, was er da sagte. Dass es Blut war, das sie an ihm roch und dieses nun auch an ihren Händen klebte. Würde er sie überhaupt am Leben lassen? Eine die wusste, wer er war, wie er aussah, was er getan hatte.
Im selben Moment da sie dies dachte, erstarb sein Lächeln. Von all den furchtbaren Dingen, die Eveny heute Nacht gesehen hatte, waren seine erbarmungslosen leeren Augen das schlimmste. Seine Hand fuhr zu dem Dolch. Das Blut der Händlersfrau klebte noch daran. Eveny zögerte nicht.
Ihre Finger berührten den kalten Stahl einen Sekundenbruchteil vor ihm. Plötzlich hielt sie die silberne Klinge in Händen, ihr Arm entwickelte ein Eigenleben und kannte nur ein Ziel. Die Augen, diese kalten Augen, die den Fluch in sich trugen, dem sie entkommen wollte.
Immer wieder stieß sie zu. Seine Schreie erreichten sie nicht. Seine Hände, die er schützend vors Gesicht schlug, sah sie bereits nicht mehr, denn die selige Finsternis war mit den ersten beiden Stichen zurückgekehrt, der Fluch gebrochen.
 
Auf dem Weg zurück war Eveny völlig ruhig. In ihrer Hütte wusch sie sich und warf das Kleid ins Feuer. In der nächsten Nacht trug sie ein neues Kleid, einen neuen Schleier.
Von nun an tanzte sie wieder Nacht für Nacht im „Orient“, gab sich den Blicken der Männer preis, manchmal auch deren Verlangen.
Über die Geschehnisse dieser einen Nacht verlor Suram niemals ein Wort und Eveny tat es ihm gleich. Doch sie beide wussten ...

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