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altRobert Duncan war besessen von dem Gedanken, eine Ceasg zu fangen. Eine jener legendären Frauen mit dem Schwanz eines Lachses, die in den Tiefen der schottischen Seen lebten und dann und wann von einem Fischer oder einem Wanderer gesehen wurden. Mit Haaren wie Tang und einer Haut so weich wie das Wasser der Highlands. Von denen es hieß, dass sie drei Wünsche erfüllten, wenn man sie fing. Aber vor denen man auch auf der Hut sein sollte, damit man nicht ihrer List erlag und sie einen in die Tiefe holten.

Jenna McRoy sah die Besessenheit ihres Liebsten mit wachsender Sorge. Er verrannte sich in diese fixe Idee. Manchmal fragte sie sich, ob er sie noch liebte, oder sie ihn bereits an die Ceasg verloren hatte.
Die letzten Sonnenstrahlen glitzerten auf den Wellen des Loch Ness am Fuße der Ruine von Urquart Castle. Robert ließ seinen Blick über die Wellen gleiten. Er war so sicher gewesen, dass er heute erfolgreich sein würde. Stattdessen wieder nichts.
Enttäuscht machte er sich daran, das Netz einzuholen, da schoss eine mächtige Flosse daraus hervor und schlug mit solcher Wucht neben seinem Boot ein, dass dieses zu schaukeln begann und Robert beinah in die Fluten stürzte.
Trotz der Schatten, die Urquart bereits warf, glaubte er, etwas unter der Wasseroberfläche dahintreiben zu sehen. Für Nessi war es zu klein, für einen Fisch zu groß. Roberts Herz überschlug sich vor Aufregung. Er fühlte sich mit einem Mal so lebendig als ströme ein ganzer Schwarm kleiner Fische durch seinen Leib. Mit zitternden Händen presste er das Netz an sich und wartete. Sollte dort tatsächlich eine Ceasg sein?
In der nächsten Sekunde brachte eine Flutwelle das Boot derart aus dem Gleichgewicht, dass er sich diesmal nicht abfangen konnte, sondern ins Wasser fiel. Robert spürte, wie ihn eine Flosse streifte, reagierte instinktiv und schlang das Netz um den Körper, der so dicht an seinem entlang schwamm.
Was auch immer mit ihm im Wasser war, wollte sich nicht kampflos in Gefangenschaft begeben. Heftige Gegenwehr wühlte das Wasser auf, presste alle Luft aus Roberts Lungen, bis er glaubte, ersticken zu müssen.
Der Sauerstoffmangel ließ Punkte vor seinen Augen flimmern. Außerdem war es zu dunkel, das Wasser zu trübe, als dass er einen genaueren Blick auf seinen Fang hätte werfen können. Dieser drehte sich just in diesem Moment um die eigene Achse und stob davon. Ein Ruck ging durch Robert hindurch und das Netz riss. Sein Fang flüchtete.

Bradanas Herz raste. Sie beobachtete den jungen Mann seit vielen Wochen. Einer, der noch an sie und ihr Volk glaubte. Dabei war die traurige Wahrheit, dass Bradana als Letzte ihrer Art allein im See lebte. Auch anderswo gab es keine Ceasg mehr. Darum hatte sie sich entschlossen, sich diesem Mann zu zeigen und dann vielleicht ... Es wäre immerhin nicht das erste Mal, dass sich eine von ihnen mit einem Menschen verband. In Schottland gab es einst ein Tal, wo ein ganzes Volk von Selkies lebte – halb Mensch, halb Ceasg.
Aber jetzt hatte er sie gefangen! Sie schwamm um ihr Leben, doch das Netz wand sich immer enger um ihren Leib, bis sie sich schließlich kaum noch bewegen konnte. Hilflos trieb sie im Wasser, auf das sich bereits die Nacht herabsenkte. Hinter sich hörte sie die sanften Schläge eines Paddels. Der Mensch kam ihr nach. Nun gab es kein Entrinnen mehr.
„Du bist wirklich eine Ceasg.“
Seine Stimme erklang direkt über ihr. Bradana hob den Kopf und schaute verzweifelt zu ihm hoch. Am liebsten wäre sie gestorben, da traf sie sein Blick und die Welt blieb für Sekunden stehen.
„Ich bin Robert“, sagte er und löste das Netz um ihren Körper. „Hast du auch einen Namen?“
Sie nickte zögernd. „Bradana.“
Beim Klang ihrer Stimme ging etwas Merkwürdiges mit dem Mensch vor. Er zitterte, seine Augen verschleierten sich für einen Moment. Sollte es Hoffnung geben? Doch dann fragte er: „Stimmt es, dass du mir jetzt drei Wünsche erfüllen musst?“
Sie hätte am liebsten laut aufgeschrien. Dachten die Menschen denn immer nur an Reichtum und Macht? Sie war es so leid, dass ihresgleichen für die Gier von Menschen missbraucht wurde. Aber diesmal nicht! Dieses Mal würde auch ihre Art einen Nutzen davon haben. Sie musste es nur geschickt anstellen.
„Es ist richtig, da du mich gefangen hast, muss ich dir drei Wünsche erfüllen. Aber das hat einen Preis.“
Der Mann runzelte die Stirn, offenbar war ihm das neu.
„Wer einen Pakt mit einer Ceasg eingeht, verkauft ihr seine Seele. Wenn ich dir alle drei Wünsche erfüllt habe, musst du mit mir kommen in mein Reich und für immer bei mir bleiben.“
Robert schluckte. Bradana hielt den Atem an. Es war nur ein bisschen gelogen. Sie musste ihm drei Wünsche erfüllen, doch wenn es ihr gelang, sein Einverständnis zu erhalten, dann gehörte seine Seele danach ihr. Meist verzichtete eine Ceasg darauf, denn was wollte eine vom Volk des Meeres mit einem Menschen. Doch dieser hier war Bradanas einzige Hoffnung, den Fortbestand ihrer Art zu sichern.
„In Ordnung!“, sagte Robert. Bradana konnte ihr Glück kaum fassen. Er ging auf den Handel ein.
„Gut, dann schulde ich dir drei Wünsche. Wähle sie mit Bedacht. Nur mit dir kommen kann ich nicht. Denn wenn ich meine Heimat verlasse, werde ich zu Gischt und muss sterben.“ Das entsprach der Wahrheit.
Es enttäuschte Robert, aber er nickte schließlich. „Gut.“ Er überlegte. „Gib mir etwas, womit ich beweisen kann, dass es dich gibt.“
Bradana zögerte nicht. Sie riss sich eine Schuppe von ihrem Schwanz. Kein Fisch besaß ein solches Schuppenkleid. Sie hielt es ihm hin, doch als er danach griff, zog sie die Hand wieder zurück und lächelte siegesgewiss. „Du weißt, dass damit dein erster Wunsch erfüllt ist?“
Robert schluckte bei ihren Worten. Ihm war klar, was das bedeutete.
Er verstaute die Schuppe in seiner Hosentasche und befreite Bradana vom Netz. „Wenn ich dich rufe, Bradana, wirst du dann kommen?“
Sie funkelte ihn mit ihren Augen, grau und schimmernd wie der Loch Ness, an. „Wenn es dein Wunsch ist.“
Damit hatte er in kürzester Zeit schon zwei Wünsche geäußert. Würde er einen Rückzieher machen? „Ja, das ist mein Wunsch“, sagte er entschieden.
Bradana nickte. „Dann werde ich kommen, wenn du mich rufst.“

 
Robert lief direkt vom See zum Büro der Regionalmedien. Dort holte er die Schuppe aus seinen triefnassen Hosen und begann auf den Zeitungschef einzureden. Der drehte das Kleinod zwischen seinen Fingern, schien aber wenig beeindruckt.
„Mal ist es Nessi, jetzt eine Ceasg. Es freut uns ja, dass die Touristen so zahlreich wegen unserer Mythengestalten nach Schottland kommen und sicher glaubt jeder Schotte, der was auf sich hält, an die ein oder andere Legende. Aber eine Ceasg? Mein Junge, du warst zu lange da draußen auf dem Ness.“
„Hören Sie auf zu lachen“, verlangte Robert wütend. „Ich habe Beweise.“
„Diese Schuppe?“ Der Mann lachte lauthals.
„Verschon mich mit deinem Anglerlatein. Der Himmel weiß, von welchem Fisch die stammt. Im Ness schwimmen seltsame Wesen umher, das will ich nicht bestreiten. Aber Meerjungfrauen?“
Es hatte keinen Sinn. Sie glaubten ihm nicht. Er rannte aus dem Büro, ließ sogar die Schuppe zurück. Verzweiflung überkam ihn, trieb ihm Tränen in die Augen. Warum glaubte ihm keiner?
„Verzeihen Sie, Mr Duncan. Sie haben etwas vergessen.“
Einer der Reporter war ihm nachgekommen und reichte ihm die Schuppe.
„Behalten Sie’s. Es hat ja doch alles keinen Zweck.“
„Sie glauben wirklich, eine gesehen zu haben, nicht wahr?“
Robert schnaubte. „Ich weiß, was ich gesehen habe. Es war eine Ceasg.“
„Können Sie das beweisen? Mit mehr als einer Fischschuppe?“
Der Mann war ernsthaft interessiert. Robert witterte neue Hoffnung.
„Ja, das kann ich. Ich kann sie Ihnen zeigen.“
Schnell war der morgige Tag vereinbart, um gemeinsam mit dem Boot hinauszufahren, wo Robert nach Bradana rufen wollte. Der Reporter würde sie fotografieren und seine Aussage bezeugen. Dann mussten ihm endlich alle glauben.

Am nächsten Tag fuhr der Reporter mit ihm auf den See. Robert hatte Jenna nichts davon erzählt. Sie war ohnehin voller Sorge gewesen, als er durchnässt und halb erfroren nach Hause kam. Hatte ihn in eine Wanne mit heißem Wasser gesteckt und beinah sogar einen Arzt gerufen. Er wollte sie nicht beunruhigen, ehe er nicht weitere Beweise vorlegen konnte. Dann würde er ihr von Bradana erzählen.
Mitten auf dem See hielt er an, stellte sich auf und rief den Namen der Ceasg.
Sie warteten eine Weile, nichts geschah. Robert wurde unruhig, aber sie hatte es ihm versprochen. Es war sein zweiter Wunsch, also musste sie kommen. Abermals rief er und dann sah er auch einen schlanken Körper unter der Wasseroberfläche dahingleiten.
„Da!“, rief er aus. „Da vorn ist sie.“
„Wo?“ Der Reporter hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten, als er nun ebenfalls aufstand und in die gewiesene Richtung sah. Doch die Wellen spiegelten nur das Sonnenlicht wieder. Von Bradana keine Spur. Roberts Sorge wuchs.
„Bradana!“, rief er erneut. „Du musst kommen. Du hast es mir versprochen.“
Etwas bewegte sich nahe dem Boot, aber es war kaum zu sagen, ob es ein großer Fisch war oder gar nur Tang. So verging über eine Stunde, in der Robert immer wieder glaubte, die Ceasg unter der Oberfläche zu sehen, doch sie zeigte sich nie. Schließlich wurde es dem Reporter zu dumm. Er fühlte sich um die versprochene Story betrogen, ärgerte sich lautstark, wieder einmal einem Spinner aufgesessen zu sein. Robert blieb nichts anders übrig, als ihn zum Ufer zurück zu bringen. All seine Hoffnung war zerstört.
Doch so leicht wollte er es der Ceasg nicht machen. Niemand durfte ihn betrügen. Voll Zorn fuhr er erneut hinaus, viel weiter als sonst, und brüllte Bradanas Namen. Es dauerte nur Sekunden und der schlanke Leib der Ceasg tauchte aus den Fluten auf.
„Wo warst du?“, herrschte er sie an.
„Dort, wohin du mich gerufen hast“, gab sie ungerührt zurück.
„Warum hast du dich nicht gezeigt?“
„Es war nur vereinbart, dass ich komme, wenn du mich rufst. Davon, dass ich mich einem Fremden zeigen soll, hast du nichts gesagt. Ich sagte dir, bedenke deine Wünsche gut. Es ist nicht meine Schuld, wenn du leichtfertig damit umgehst.“
Robert wollte zu einer wütenden Bemerkung ansetzen, da erklang hinter ihnen Jennas Stimme.
„Robert? Mit wem redest du da? Was ist denn nur los mit dir?“
Ihre Stimme klang besorgt. Sie glaubte ganz sicher, dass er endgültig den Verstand verloren hatte. Aber wenigstens würde nun noch ein weiterer Mensch Bradana sehen. Dann hatte er endlich einen Beweis. Er drehte sich um, doch die Ceasg war schneller.
Sie erfasste augenscheinlich sofort, was Jenna Robert bedeutete und sah in ihr eine Rivalin. Pfeilschnell schoss sie durch das Wasser, warf sich gegen Jennas Boot, das augenblicklich kenterte.
„Jenna!“, rief Robert, während seine Verlobte mit einem Schrei ins Wasser fiel.
Bradana packte den zappelnden Körper und wollte schon in die Fluten abtauchen, als Robert sie mit seinen Worten zurückhielt.
„Bradana, nicht! Verschone sie!“
Die Ceasg hielt inne und drehte langsam den Kopf. Das Glitzern in ihren Augen hätte ihn warnen sollen. „Ist dies dein dritter Wunsch? Dass die Menschenfrau am Leben bleibt?“
Ein Herzschlag lang stand die Zeit still. Sekunden in denen Robert erkannte, dass er nur verlieren konnte. Doch Jenna durfte nicht sterben. Lieber blieb er für immer bei Bradana. Seine Augen baten Jenna, die hilflos in Bradanas Griff hing, um Verzeihung, während er langsam nickte.

Jenna stolperte mit tränenverschleiertem Blick über die Ruinenanlage von Urquard Castle. Konnte nicht begreifen, was geschehen war. Ihr Robert war mit einer Ceasg fort. Hatte etwas von drei Wünschen und einer Schuld gesagt.
Was für eine Schuld?
Sie achtete nicht auf die verwirrten Gesichter der Touristen, wollte nur noch nach Hause. Robert hatte Unmengen von Büchern über die Ceasg. Sie musste herausfinden, wie sie Robert retten konnte.
Den restlichen Tag und die halbe Nacht verbrachte sie mit ihrer Suche, bis sie schließlich auf einen Absatz stieß, der ihr wieder Hoffnung machte und ihr Herz schneller schlagen ließ.
„Wenn ein Mensch der List einer Ceasg erliegt und mit ihr in die Tiefen ihres Reiches gehen muss, gibt es nur einen Weg, ihn wieder zu befreien. Man muss ihre Seele bezwingen. Doch diese trägt sie nicht in sich, sondern an einem geheimen Ort. An den Ufern ihrer Heimat findet man ihr Seelengefäß. Wenn man es zerstört, stirbt die Ceasg und der Mensch, den sie in ihrer Gewalt hält, ist wieder frei.“
Zu Jennas Enttäuschung stand dort leider nirgendwo, wie so ein Seelengefäß aussah. Aber sie war entschlossen, Robert zu befreien. Gleich morgen würde sie wieder nach Urquart fahren.

Am nächsten Tag brach Jenna schon in aller Frühe auf. Sie kletterte zum Flussufer unterhalb der Burgruine hinab, umwanderte die kleine Halbinsel, ohne zu wissen, was sie suchte. Dort waren Steine, halb vermodertes Holz, leere Eierschalen. Verzweifelt zerschlug sie, was für sie als Seelengefäß einer Ceasg in Frage kam, doch nichts geschah. Wieder stiegen Tränen in ihr auf. Sie musste es einfach finden.
Am späten Nachmittag sank sie entmutigt auf die Uferböschung, schluchzte herzzerreißend und klagte dem Ness ihren Schmerz.
Die Wellen des Sees schlugen gegen den Fels mit einem dumpfen Ton. Jenna brauchte einen Augenblick, bis sie begriff, dass Wellen nicht solch ein Geräusch verursachten. Sie wischte die Tränen beiseite und beugte sich zum Wasser hinunter. Unter der schimmernden Oberfläche sah sie etwas leuchten. Eine Ceasg würde ihre Seele doch im Wasser verbergen, oder nicht? Mit rasendem Herzen griff sie zu, rutschte beinah ab, konnte sich aber an einer Wurzel festhalten. Als sie die Böschung wieder hinauf kroch, hielt sie ein weißes Gebilde in der Hand. Einen Muschelstein.
Jenna schloss die Augen. Sie hatte nichts zu verlieren. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, dass sie gefunden hatte, was sie suchte. Entschlossen warf sie die Muschel auf den Boden, wo sie in tausend Scherben zersprang.
Ein Schrei hallte über den See, brachte die Mauern von Urquart für einen Moment zum Zittern. Dann war alles still bis ...
„Robert!“
Leblos trieb der Körper ihres Verlobten aufs Ufer zu. Jenna zog ihn aus den kalten Fluten. Er kämpfte um Luft, hustete und spuckte Wasser.
„Ich war ... mit Bradana ... in einer Höhle ... tief unten im See.“
„Ich weiß. Ich habe in deinen Büchern gelesen und dort erfahren, wie ich dich befreien kann. Ich hatte schon Angst, ihr Seelengefäß nicht zu finden. Dann stieß ich auf diesen Muschelstein. Oh, Robert, ich bin so froh, dass du wieder da bist.“
Sie schmiegte sich an ihn, Tränen flossen über ihr Gesicht.
„Ich weiß nur noch, dass ich in ihren Armen lag. Und dann bin ich hier bei dir aufgewacht.“
Er sah Jenna an, in seinen Augen lag ein Verlust, der ihr ins Herz schnitt. „Sie sagte, sie sei die Letzte ihrer Art. Und dass sie mich braucht, damit die Ceasg nicht aussterben.“
Sein Blick glitt hinaus auf den Loch Ness, dann zurück zu dem zerbrochenen Muschelstein.
In seinem Inneren fühlte Robert eine schreckliche Leere, die auch Jennas Umarmung nicht vertreiben konnte.
Seit jenem Tag wurde nie mehr eine Ceasg gesehen.

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