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altDer Wald spendete ihr stets Trost, ganz gleich welch Kummer Mornas Herz betrübte, wie dunkel auch die Schatten auf ihrer Seele lasteten. Hier in den kühlen Tiefen des Forstes fand sie Ruhe und neue Zuversicht. Sie flüchtete vor dem grauen Alltag ihres Lebens als Magd am Hof des Königs, vor der häufigen Schelte und den Schlägen der Köchin. Sie galt nichts unter dem Gesinde, verrichtete all die Arbeiten, die keiner sonst erledigen wollte.
Keinen interessierte, was sie fühlte, oder gar, wovon sie träumte. Im Gegenteil, man verspottete sie, wenn sie Tränen zeigte. Und wenn sie bei der Arbeit ihren Träumen nachhing, verpasste man ihr eine Ohrfeige und schalt sie ein faules Ding.
Seufzend ließ sich Morna an ihrem Lieblingsplatz nieder und streckte die verspannten Muskeln. Der Duft von Moos, feuchter Erde, Laub und harzigen Nadeln umfing sie wie die tröstenden Arme einer Mutter. Die Stille und Friedlichkeit linderten ihren Schmerz.
Ein Gefühl der Geborgenheit überkam sie jedes Mal, wenn sie zu ihren stummen Freunden flüchtete, um ihnen ihr Leid zu klagen. Sie hörten zu, waren da, fingen sie auf.

Heute schnürte ihr der Kummer nicht die Kehle zu. Traurig war sie, doch nicht genug, um zu weinen. Sie wollte einfach nur eine Weile allein sein. Fern des Hofes, wo jeder, vom König bis zum Stalljungen, beständig eine Maske trug. Oder sogar mehrere, je nachdem, wem er gegenüber stand.
Behutsam begann Morna, ihr langes, dunkles Haar zu entwirren. Dabei summte sie eine kleine Melodie, die sie als Kind oft gehört hatte. Heute wusste sie nicht mehr, ob es ihre Mama gewesen war, die sie so in den Schlaf gesungen hatte, oder eine der Nonnen, von denen sie großgezogen wurde, nachdem der liebe Gott ihre Mutter heimgeholt hatte. Es spielte keine Rolle. Morna mochte die Melodie, obwohl sie keine Worte mehr kannte. Aber es löste stets den eisigen Knoten in ihrer Brust und stimmte sie wieder zuversichtlich.
Wie meist, wenn sie hierher in den Wald kam, saß sie auch heute unter der alten Eiche an dem kleinen See, lehnte sich an die borkige Rinde des Stammes und hörte dem Quaken der Frösche und dem Summen der Libellen zu. Verträumt schloss sie die Augen und gab sich ihren Gedanken hin. Malte sich aus, wonach sie sich im Stillen sehnte.
Das, was sie im Leben wünschte, war nicht viel. Sich einmal richtig satt essen vielleicht. Dabei musste es gar kein großes Bankett sein, wie es so oft für hohe Gäste zubereitet wurde. Ihr genügte schon ein guter Eintopf mit Gemüse aus dem Garten, ein paar Kräutern für die Würze und vielleicht ein klein wenig Fleisch. Dazu eine dicke Scheibe frisches Brot. Duftend und noch warm aus dem Ofen. Nicht die harten, trockenen Reste, mit denen sie sich sonst zufriedengeben musste.
Oder ein Kleid. Kein teures aus Seide und Samt. Ein schlichtes aus Leinen würde genügen. Es sollte nur sauber sein, damit sie sich Sonntags bei der Messe nicht immer so vor allen Leuten schämte und das Gefühl hatte, dass jeder sie anstarrte.
Ein Stück Seife, das nach den Blumen einer Sommerwiese duftete und die Haut nicht so stark rötete wie die Lauge mit der sie nach dem Geschirr auch sich selbst waschen musste, wenn sie nicht völlig verdreckt ihrem Tagewerk nachgehen wollte.
Ihr größter Wunsch aber erschien ihr so kühn, dass sie ihn nicht einmal ihren Freunden den Bäumen anzuvertrauen wagte. Tief in ihrem Herzen bewahrte Morna dieses Geheimnis ganz für sich allein. Wann immer sie daran dachte, schlug es ein paar Takte schneller. Sie war verliebt. Aber nicht in irgendwen, nein. In einen besonderen Mann. Einen, der für sie immer unerreichbar bleiben würde. Ihre Liebe galt Prinz Christian.
Seit sie ihn eines Morgens auf dem Hof gesehen hatte, wo er gerade seinen grauen Hengst bestieg, um mit seinem Gefolge zur Jagd zu reiten, war es um Morna geschehen. Sein blondes Haar, diese gletscherblauen Augen und vor allem das bezaubernde, heitere Lachen, das ihr seither ständig in den Ohren klang.
Die Unbeschwertheit, mit der er dem Ross die Sporen gab und in die Frühlingslandschaft hinausritt, ließen Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen und ihren Puls Purzelbäume schlagen.
Aber er war natürlich nicht für sie bestimmt. Bald schon würde er eine Prinzessin heiraten. Warum sollte da sein Blick auf eine schmutzige Magd fallen? Sicher war sie ihm noch nicht einmal aufgefallen.
Mit einem Seufzer strich Morna über das Haupt des Rehkitzes, das sich neben ihr zur Ruhe gelegt hatte. Das Vertrauen des Tieres rührte sie, doch Trost spenden konnte es ihr nicht.
„Pass nur auf, wenn du groß bist, dass du nicht den Jägern in die Arme läufst“, sagte sie und kraulte das Kitz unter dem Kinn. „Nach dir würde der Prinz sicher schauen. Darum musst du schnell sein, damit er dich nicht erlegt.“
Der Gedanke machte sie gleich in zweierlei Hinsicht traurig. Sie fürchtete, den vierbeinigen Freund einmal durch einen Pfeil zu verlieren. Und gleichzeitig beneidete sie ihn, weil er zumindest die Aufmerksamkeit des begehrten Mannes auf sich zu ziehen vermochte.
„Wenn er mir doch nur einen Blick schenken würde“, flüsterte sie unglücklich. „Was gäbe ich dafür, wenn sein Lächeln einmal mir gelte.“
Das Kitz antwortete ihr nicht, doch es hob plötzlich den Kopf und spitzte die Ohren. Alarmiert sah sich auch Morna um, konnte im ersten Moment jedoch nichts entdecken. Bis ein Schatten auf sie fiel. Gehetzt sprang sie auf die Beine, dass das Kitz verschreckt davonstob. Sie hörte das Flüstern von Wasser, das Rascheln des trockenen Laubes und das einsame Lied einer Nachtigall.
„Hab keine Angst, Morna“, erklang eine melodische Stimme, die ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken jagte. „Ich beobachte dich schon sehr lange, wie du beinah jeden Tag eine Weile an meinem See sitzt, mit meinen Bäumen sprichst und mit meinen Tieren das wenige teilst, was du selbst zu essen hast.“
Noch immer konnte Morna niemanden entdecken, aber es kam Bewegung in die Oberfläche des Sees. Wellen rollten an das Ufer heran, ließen den Schatten erzittern, der sich auf sie gelegt hatte und Stück für Stück formte sich daraus eine Frau hervor. Zunächst noch durchscheinend, doch mit jeder neuen Welle nahm sie festere Gestalt an, bis sie vor Morna stand, wie jeder andere Mensch aus Fleisch und Blut.
„Wer ... wer seid Ihr?“, fragte Morna und in ihrer Stimme klang Unsicherheit mit. Ihr Herz flatterte wie ein aufgeregter Vogel im Netz des Häschers.
Die Frau war sehr groß und schlank. Ihr Haar hatte die Farbe von Wasser und ihre Augen waren so klar wie Eis. Ein silberblaues Gewand umschmeichelte sie gleich einem Wasserfall. Als sie die Hand ausstreckte und Morna über die Wange strich, war die Haut glatt und kühl.
„Ich bin die Herrin dieses Sees, des Waldes und allen Getiers, das darin ist. Ich bin eine Nymphe, eine Tochter der Mondgöttin.“
Die Frau setzte sich auf einen Felsen am Ufer und blickte auf den See hinaus. „Ich kenne deine Träume, Morna. Jeden einzelnen.“ Sie lächelte hintergründig. „Auch den einen, von dem du nicht sprechen willst, außer, die Sehnsucht spült die Worte über deine Lippen, so wie eben.“
Morna schlug die Hand vor den Mund und bereute ihr unbedachtes Reden sofort. Aber die Sorge darüber, ihren Wunsch so verwegen ausgesprochen zu haben, schwand dahin unter der Furcht vor dieser geheimnisvollen Frau. War sie Freund oder Feind?
„Ich ... muss jetzt gehen. Man ... vermisst mich bestimmt schon“, stammelte Morna.
Die Nymphe lachte nur und es klang wie das Läuten von Maiglöckchen ... oder Glockenblumen. Morna schluckte. Wenn man Glockenblumen hörte, war einem der Tod nahe.
„Aber Kind“, tadelte die Wasserfrau sanft, „warum nur hast du so viel Angst? Ein reines Herz hat vor Meinesgleichen nichts zu fürchten. Du kommst schon so lange hierher und warst immer ohne Arg. Ich mag deine Gesellschaft und bin betrübt, dass du so oft traurig bist.“
Sie machte eine kleine Pause und beobachtete Morna, die sich mit einem Mal nackt unter den forschenden Blicken vorkam, genau. Sie schlang die Arme um ihren Leib und wich einige Schritte zurück. Es fröstelte sie, obwohl die Sonne noch am Himmel stand.
„Keiner vermisst dich, Morna. Das weißt du und das weiß ich. Doch das spielt auch keine Rolle. Es ist nicht meine Absicht, dich mit mir in die Tiefe dieses Sees zu ziehen oder dir auf eine andere Art Gewalt anzutun.“
Morna wagte es, wieder einen Schritt näher zu treten. Noch immer auf der Hut, setzte sie sich auf eine Baumwurzel in der Nähe. „Und was wollt Ihr dann von mir?“
Die Nymphe lächelte und silberne Funken tanzten in ihren Augen. „Dir helfen. Dann und wann, wenn ein Mensch es verdient, bieten wir unsere Hilfe an. Ein einziges Mal.“ Sie zögerte, senkte ihre silbrigen Lider und blickte Morna dann mit einem Hauch von Melancholie in der grauen Iris an. „Aber natürlich haben unsere Dienste ihren Preis.“
Augenblicklich spannte sich Morna wieder an. „Ich begehre nichts von Euch.“
Da war es wieder, dieses Lachen. Es klang in Mornas Herz und Seele nach, ließ sie zittern und an ihrer Willenskraft zweifeln.
„Auch nicht deinen Märchenprinzen?“
Morna wurde schwindlig, als sich die Nymphe erhob und zu ihr trat, sie bei den Händen nahm und auf die Beine zog. Dicht an dicht standen sie beieinander. Das fahle Leuchten in den Mondlichtaugen machte Morna benommen, dämpfte aber auch ihre Angst.
„Dein Leben, Morna. Wärst du bereit, es mir zu schenken? Dein reines Herz, deine unschuldige Seele. Für die Hoffnung auf seine Liebe.“
Mornas Lippen bebten, als der kühle Atem der Wasserfrau ihre Wange streifte. Sie hatte solche Angst, dass ihr die Sinne schwanden. Aber sie hörte ihre Stimme ein schwaches „Ja“ flüstern.
„Gut!“, hauchte die Nymphe und ließ sie los. Einen Herzschlag später schwebte sie über dem Wasser und Morna fand zu sich selbst zurück.
„Komm heute Nacht an meinen See und lege dich schlafen. Den Rest überlasse mir. Dein Leib ist dein Pfand. Du hast nur einen Versuch, sein Herz zu gewinnen. Gelingt es dir, wirst du seine Prinzessin sein und all deine Wünsche werden in Erfüllung gehen. Scheiterst du, so bleibst du für immer bei mir.“
Damit verschwand sie und ließ Morna allein zurück.
Als sei der Teufel selbst hinter ihr her, raste das Mädchen durch den Wald zurück zum Hof, schlüpfte durch das hintere Tor und flüchtete sofort in die Kammer über dem Stall, wo sie ihr bescheidenes Lager hatte. Ob jemand sie sah, oder was man von ihr dachte, kümmerte sie nicht. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Kehle war trocken wie ein ausgedörrtes Flussbett.
Mit geschlossenen Augen lag sie auf ihrem Strohbett und dachte über diese Begegnung nach. Hatte sie wirklich der Seenymphe gegenüber gestanden? Oder war das nur einer ihrer Tagträume gewesen?
Sollte sie es wagen und bei Nacht noch einmal an den See gehen? Nein, das wagte sie nicht. In den alten Sagen wurde stets davor gewarnt, einer Nymphe zu vertrauen. Manche glaubten sogar, dass sie mit dem Teufel im Bunde standen.
Doch konnte ein solches Wesen wie diese Frau einen Pakt mit der Hölle eingehen?
 
Die Nacht brach herein und hielt keinen Schlaf für Morna bereit. Unruhig wälzte sie sich auf dem dünnen Laken hin und her, spürte das Licht des Mondes auf ihrer Haut, das sich anfühlte wie die kühle Hand der Nymphe. Ein lockender Ruf schien durch die Dunkelheit an ihr Ohr zu dringen und schließlich gab sie nach.
Es zog sie zurück an den See, auch wenn sie nicht mal sicher war, dass die Wasserfrau Realität und nicht bloß ein Hirngespinst war. Doch die Sehnsucht, die seit Wochen in Mornas Herzen wuchs, gewann nun Überhand. Die Verheißung, sie erfüllt zu sehen, überflutete sie so stark, dass sie sich nicht zu entziehen vermochte.
Wie geheißen legte sie sich am Ufer nieder. Der Mond strahlte hell, das Rauschen der Wellen war wie eine Nachtmusik, die sie in den Schlaf wiegte. Zusammen mit dem Chor der Käuzchen und dem Rascheln nachtaktiver Jäger sponn sich daraus das Lied aus ihrer Kinderzeit. Kaum streckte sich Morna auf dem weichen Laub aus, fiel sie auch schon in Schlummer.
Als sie wieder erwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Sie fühlte sich merkwürdig, ihr Körper fremd, als gehörte er nicht ihr. Morna wollte aufstehen, doch es gelang ihr kaum, ihre Glieder zu kontrollieren. Mit Staunen sah sie an sich herab und entdeckte vier schlanke Beine mit kleinen Hufen am Ende. Sie drehte ihren grazilen Hals, um auf ihren Rücken zu blicken, braun und voller weißer Flecken.
Der Schreck ließ sie emporspringen. Adrenalin schoss durch ihre Venen, machte sie in kürzester Zeit vertraut mit dem Leib, der nun ihr Eigen war.
„Oh mein Gott! Ich bin ein Reh!“
In ihre langen Ohren drang die einschläfernde Musik von vorhin, und wie sie den Kopf drehte, um deren Quelle zu ergründen, erblickte sie die Nymphe, wie sie über den See hinweg auf sie zuschwebte, vor ihr verharrte und ihr zärtlich die Nase stupste.
„Es ist alles in Ordnung, liebe Morna. Dein menschlicher Körper liegt bei mir auf dem Grund des Sees. Ich achte gut auf ihn und gebe ihn dir im rechten Moment zurück. Eher als du denkst. Und nun lauf davon in den Wald. Die Nacht hält viele Geheimnisse für dich bereit.“
Sie gab ihr einen Klaps auf den Po und ohne zu überlegen rannte Morna los.
Wohin, das wusste sie nicht, doch schon nach wenigen Sprüngen durchströmte sie der Ruf der Natur. Sie genoss die Freiheit, die Kraft ihrer Muskeln. Behände setzte sie über Baumstämme und Gräben hinweg, vergaß ihre Sorgen und beinah auch ihre Menschlichkeit.
Sie rannte mit dem Nachtwind um die Wette, nahm die Witterung des Waldes tief in ihre Lungen auf. Sie ließ sich von verheißungsvollen Düften locken und von unbekannten Geräuschen treiben. Sie war eins mit sich selbst und der Natur.
 
Prinz Christian runzelte im Schlaf die Stirn. In seinem Kopf wirbelten Bilder einer merkwürdigen Jagd, bei der er ohne Waffen unter der bleichen Mondscheibe dahinritt. Er suchte etwas, doch wusste nicht genau, was. Sein Puls raste, Schweiß überzog seine Haut, brachte jedoch keine Kühlung. Als er erwachte, flüsterte ihm der Nachtwind zu und lockte ihn in den Wald, versprach ersehnte Beute.
Im Wald fühlte er sich immer frei. Wenn der Wind ihm das Haar zerzauste, die Düfte der Wildnis seine Lungen füllten und er alle Konventionen des Hofes hinter sich lassen durfte. Geschwind schlüpfte er in seinen Jagdrock, eilte die Stufen in den Stall hinab, wo sein Grauschimmel ihn mit leisem Schnauben begrüßte.
Er nahm sich nicht die Zeit, das Tier zu satteln, sondern streifte ihm lediglich das Zaumzeug über und schwang sich auf seinen bloßen Rücken.
Sie ritten leise aus dem Burghof hinaus, doch draußen stob der Hengst beinah von allein davon, als kenne er den Weg, dem sein Herr folgen wollte.
Die Finsternis schluckte sie beide, je weiter sie sich von der Burg entfernten. Ein nie gekanntes Glücksgefühl ergriff von Christian Besitz. Er fühlte sich lebendig, sein Herz im Einklang mit dem der Nacht schlagen. Jagdzeit.
Wie viele wilde Jäger waren dort draußen unterwegs in der Dunkelheit? Und er würde einer von ihnen sein. Doch welche Beute begehrte er? Die Frage blieb nicht lange unbeantwortet. Kaum waren sie in den Wald gedrungen, huschte es bereits wie ein Schatten zwischen den Bäumen dahin. Ein scheues Reh, zart und jung. Christian schloss die Augen und atmete den Duft ein. Warum drang der Geruch ihm so tief in die Nase, ließ jede Zelle seines Körpers vibrieren? War da ein Wiedererkennen? Hatte er gerade dieses Kitz schon einmal gejagt? Doch wann?
Sein Pferd verfolgte das flüchtende Tier allein. Trittsicher und wendig zwischen den eng stehenden Bäumen, sprunggewaltig über dichtes Unterholz. Sie berührten kaum den Boden, schienen zu fliegen. Er hatte nur Augen für diese schlanke Gestalt, die so rasch vor ihm floh, als ginge es um Leben oder Tod.
Im einen Moment war es noch ein Kitz, im nächsten – er traute seinen Augen kaum – schien es sich in eine junge Frau zu verwandeln, die nackt wie Gott sie schuf über Baumwurzeln und Büsche sprang. Das dunkle Haar umwehte ihr wild Gesicht und Schultern, verfing sich in tief hängenden Zweigen wann immer sie sich nach ihm umsah. In ihrem Blick lag Todesangst.
„Warte!“, rief Christian. „So warte doch, ich tu dir nichts.“
Aber sie hörte ihn nicht, sondern eilte weiter durch den Wald, obwohl die Ausweglosigkeit auf der Hand lag, denn sein Hengst war deutlich schneller. Sein Herz trommelte laut gegen seinen Brustkorb, und er wusste nicht, ob es vom Jagdfieber rührte oder der Überraschung zu dieser Stunde ein Mädchen im Wald zu finden. Doch ganz gleich, was es war, er würde nicht eher aufgeben, bis er ihrer habhaft geworden war und herausgefunden hatte, was sie allein hier tat.
Jetzt war er fast auf ihrer Höhe, er nahm den Hengst leicht zurück und sprang dann hinunter. Im Flug griff er nach der Schulter der Flüchtenden, bekam sie zu fassen und drehte sich, sodass er auf dem Rücken aufkam und ihren Sturz abfing.
Zum Dank für seine Rücksichtnahme, strampelte sie wild um sich und trat nach ihm. Er hatte alle Mühe, sie zu bändigen, weshalb er sich schließlich mit ihr über den Boden rollte und auf ihr zu liegen kam, um sie mit seinem Gewicht zur Aufgabe zu zwingen.
Er hatte sie erlegt, sie war sein. Auf keinen Fall würde er sie mehr loslassen.
Unerwartet stellte sie ihre Gegenwehr ein. Christian wollte schon triumphieren, da hob sie das Gesicht zu ihm. Die Angst in ihren dunklen Augen, raubte ihm den Atem. Das Jagdfieber erlosch und machte einem anderen Verlangen Platz, das nicht minder feurig brannte. Er wollte dieses zarte Geschöpf beschützen, es bewahren vor allem Übel dieser Welt, diese wunderschöne, wilde Frau zu der seinen machen. Sie und keine andere. Die Gewissheit breitete sich in ihm aus und ließ nicht den Hauch eines Zweifels zurück.
„Scht!“, machte er und strich die seidigen Strähnen zurück. Sie bebte, ihre Lippen zitterten. So einladend und verlockend. Das Gefühl in seiner Brust wurde übermächtig. Er näherte sich ihrem Mund, fühlte ihren rasenden Atem auf seinem Gesicht, Sekunden bevor er ihre Süße kostete.
 
Morna erstarrte. Das alles war ein Traum, anders konnte es nicht sein. Doch ob es ein guter oder böser war wusste sie nicht zu sagen. Ihr sehnlichster Wunsch, in seinen Armen zu liegen, erfüllte sich. Aber zu welchem Preis? Wie ein Tier hatte er sie gejagt und wie ein solches zur Strecke gebracht. Sie war wehrlos, Tränen der Verzweiflung schnürten ihr die Kehle zu, wurden aber gleichzeitig vom Rest ihres Körpers Lügen gestraft, der seinen Kuss erwiderte, sich seinem Leib entgegenbog. Ihre Blöße wurde ihr unangenehm bewusst und die Scham trieb ihr heiße Röte in die Wangen. Sie war wie gelähmt, als ihr Angebeteter ihren jungen Körper erkundete. Zitterte während der Rausch von ihr Besitz ergriff, die Empfindungen, die er in ihr wachrief, sie übermannten. Er berührte Stellen, die nie zuvor von jemand anderem berührt worden waren. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie glaubte, es müsse zerspringen. Wo sollte das enden? Was, wenn es kein Traum war? Wie sollte sie ihm jemals wieder auf der Burg unter die Augen treten, wenn sie sich ihm hier anbot gleich einer läufigen Hündin? Warum nur war sie nicht länger Reh, warum hatte die Nymphe ihr ausgerechnet jetzt ihre Menschengestalt wiedergegeben?
Schwankend zwischen Verlangen und Zweifeln, bot sich ihr plötzlich die Gelegenheit zur Flucht, als er sein Gewicht verlagerte, um seine Kleider abzustreifen.
Morna zögerte keine Sekunde. Geschwind sprang sie auf die Beine und war im Unterholz entschwunden, noch ehe Prinz Christian die Gelegenheit hatte, ihr zu folgen.
Sie hastete zurück zur Burg, schlüpfte in ihre Kammer und verkroch sich unter der dünnen Decke. Wenn sie morgen früh erwachte, war sicher alles nur ein Traum gewesen.
 
Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten Morna an der Nase. Das Erwachen brachte für Sekunden den Schreck der letzten Nacht zurück, doch dann schalt sie sich eine Närrin. Niemand verwandelte sich in ein Rehkitz.
„Hey, du! Faules Ding. Raus aus den Federn“, rief die Köchin hinauf.
Um keine Strafe zu riskieren, beeilte sich Morna, ihre Schütze umzubinden, die Haube aufzusetzen und in die Küche zu laufen. Dazu musste sie den Hof überqueren. In ihrer Hektik und weil sie noch mit den Bändern ihrer Haube beschäftigt war, sah sie nicht, wohin sie lief und stieß mit jemandem zusammen. Sie verlor das Gleichgewicht und wäre fast gestürzt, hätte ihr Gegenüber sie nicht an den Hüften gefasst und aufgefangen.
Verlegen murmelte Morna eine Entschuldigung, doch da griff ein Zeigefinger unter ihr Kinn und hob es an. Sie sah in das Gesicht von Prinz Christian.
„Du?“ Seine Miene spiegelte Überraschung wider.
Morna errötete und senkte den Blick. „Ich ... verzeiht ... ich muss ...“
Er gebot ihrem Stottern Einhalt, indem er seine Hand erhob. Morna schwieg. Gebannt starrte sie auf seine schlanken Finger, die sich ihrem Gesicht näherten und ihre Lippen berührten. Dieselben Finger, die letzte Nacht im Wald ihren Körper in Brand gesetzt hatten. Ihre Wangen glühten, ihr Herz raste und in ihrem Schoß verspürte sie jenes verräterische Sehnen, das Prinz Christian geweckt hatte und das nach ihrer Flucht unerfüllt geblieben war.
„Letzte Nacht im Wald“, sagte er. „Es war kein Traum. Das warst du.“
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und wollte am liebsten erneut weglaufen, doch er ließ sie nicht los.
„Wie heißt du?“
„Morna!“, flüsterte sie.
„Morna!“, wiederholte er und lächelte. „Ich weiß nicht, woher du kommst und warum du hier als Magd arbeiten musst, aber ich weiß, was ich empfand, als ich dich in meinen Armen hielt.“
Die Situation wurde ihr immer unangenehmer. Morna spürte die Blicke der anderen Diener und Mägde auf sich. Doch Prinz Christian fuhr ungerührt fort: „Ich dachte letzte Nacht, dass ich dich nie mehr loslassen möchte. Du oder keine. Und daran hat sich nichts geändert.“
Erschrocken biss sie sich auf die Unterlippe und schüttelte stumm den Kopf.
„Morna. Ich glaube an das Schicksal. Und das hat mir ein scheues Reh gebracht, das ich hegen und pflegen will. Sei meine Prinzessin und es soll dir an nichts fehlen.“
Tränen schossen Morna in die Augen, sie wendete sich ab und erblickte am Brunnen die Gestalt der Nymphe vom See. Diese lächelte und nickte ihr ermutigend zu.
Der Prinz schaute sie fragend an, sein Gesicht eine Mischung auf Hoffen und Zweifeln.
„Morna? Sag, willst du mich vielleicht nicht. Findest du mich abstoßend? Oder habe ich dich gekränkt, als ich letzte Nacht ... verzeih mir, doch ich war kaum Herr meiner selbst.“
„Nein!“, gab Morna jetzt zurück und diesmal waren die Tränen in ihren Augen Freudentränen. „Es ist nur, dass es mir wie ein Märchen erscheint. Ihr seid ein Prinz. Ich nur eine Magd an Eurem Hof.“
„Und würdest du denn wollen, dass ein Märchen wahr wird?“ Seine Stimme klang unsicher und in seinen Augen stand ein zärtliches Flehen.
Morna konnte ihr Glück kaum fassen und dankte der Nymphe von ganzem Herzen. Sie atmete tief durch und antwortete. „Ja, von Herzen gern, mein Prinz.“

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